15. November 2005 0

Die Weite des Raumes

| Hoffnungsträger

Ich mag Michael Ballack nicht. Als Fußballer finde ich ihn überbewertet, als Mann uninteressant, und wenn er sich als Mensch so verhält, wie auf dem Platz, dann ist mir auch das nicht sonderlich sympathisch. Das gestreckte Bein, das theatralische Fallenlassen, die hochgezogenen Schultern, der unschuldige Blick dessen, der es sich leisten kann, immer ein bisschen mehr scheiße zu sein als alle anderen. Dem man das nicht krumm nimmt, es sei denn, man ist sein Gegenspieler oder Fabian Ernst. Aber so ist das oft mit den sportlichen wie gesellschaftlichen »Ausnahmeerscheinungen«: Sie stehen überall im Mittelpunkt, selbst wenn sie gar nicht da sind. (Aber meistens sind sie natürlich da, so sehr, dass man sich nicht erinnert, wie es mal ohne sie war.) Viele finden sie toll, aber niemand hat sie so richtig lieb.

Dass Michael Ballack ein guter Fußballer ist, steht außer Frage. Dass er – sogar vorauseilend – zum Volkshelden, Retter und Alleskönner ernannt wird, ist mir unheimlich. Auch ist er ganz sicher nicht der »einzige deutsche Fußballer von Weltklasseformat«. Wäre er das, würde mich interessieren, was Weltklasseformat ausmacht. Hat das überhaupt mal jemand definiert? Oder steckt überall, wo Ballack draufsteht, automatisch Heldenhaftes drin? Weil »Volkes Stimme« featuring adidas das so entschieden hat? Ich meine: Ist Ballack wirklich so ein guter Fußballer oder ist er das nur, weil alle es behaupten?

Im Fußball geht alles schnell. Und es ist oft genauso schnell wieder vorbei, wie es begann. Um sich in dieser Schnelllebigkeit nicht zu verlieren, müssen Definitionen und Begrifflichkeiten her, Bewertung und Kategorisierung. Meist vereinfacht die Nennung flexibler Geldbeträge derartige Einordnung zusätzlich. So ein Michael Ballack, so sehr ihm der sportliche Erfolg auch zu gönnen ist, kommt doch gar nicht mehr raus aus dieser Nummer. Einmal Volksheld, immer Volksheld. Und wenn es mit dem Heldentum nicht mehr so klappt, dann steht zumindest noch die verrückte Dreizehn auf dem Rücken und das Image stimmt. Real Madrid liegt auf der Karriereleiter gleich über Superstar. Nix wie hin.

Mag es auch befremdlich klingen: Ich möchte nicht, dass Lukas Podolski so ein zweiter Ballack, nur besser, wird. Ich wünsche ihm die Anerkennung von Herzen, aber ich sehe mich so satt an den hiesigen Erfolgversprechern, Hoffnungsträgern, Toptalenten und Aushängeschildern. Das sind alles nur Menschen, was für welche eigentlich?

Und jetzt denken hier alle: So was kann auch nur eine Frau sagen, die nichts von Fußball versteht. Stimmt nicht. Aber selbst wenn: Ich muss nichts von Fußball verstehen, um das alles traurig zu finden. Vielleicht ist Michael Ballack ja sogar auch ein bisschen traurig, manchmal, wenn er die Zeitung aufschlägt oder sein Gesicht (mit Heldenblick) ihn großflächig von Häuserwänden aus anstarrt. Vermutlich nicht. In Madrid, auf der Ersatzbank, da wird er vielleicht wehmütig daran zurückdenken.

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