5. Mai 2012 2

All you need is love

| Abseits

… fußballtypisches Verhalten: Schals, Mützen, Trikots,
lauter Gesang, rüpelhaftes Verhalten.

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16. April 2012 0

Grüntöne

| Spielplan

Everyone knows Ireland don’t have the most gifted of squads at the championships but no team will match them for passion, dedication and the will to win. This album is dedicated to their efforts.

Sing Up For The Boys In Green – elf teils fantastische Songs für und über die irische Fußballnationalmannschaft, gespielt von elf Bands, gesammelt vom Label Indiecater Records. Sofort bin ich ein bisschen verliebtFan … verliebt, and all the world is green, und sofort wünsche ich mir so etwas Schönes auch für die deutsche Elf (GHVC, bitte übernehmen Sie), und im nächsten Moment spüre ich, dass es besser wäre, dieser Wunsch bliebe Wunsch, und grün hinter den Ohren for ever.



15. April 2012 0

| Hoffnungsträger



10. März 2012 3

Lust, losLichtenberg 47 – Tennis Borussia Berlin 0:0

| Abseits

Ich wache auf, schaue aus dem Fenster, es ist grau, es regnet, ich habe schlechte Laune und keine Lust auf Fußball. Füttere die Katze, trinke den ersten Kaffee, immer noch keine Lust auf Fußball. Höre das schöne Lied, dreidreiunddreißig, gehe mal duschen, ziehe irgendwas Lilafarbenes an – woah, keine Lust auf Fußball heute. Über-haupt-kei-ne-Lust. Ächz, Kaffee Nummer zwei. Vielleicht sollte ich mich einfach wieder hinlegen, zur Katze, mit diesem besänftigenden Gesang im Ohr, oh, schönes, faules Wochenende … Moment mal. In etwas mehr als einer Stunde spielt TeBe, ich kann zu Fuß zum Spiel gehen, es hat zu regnen aufgehört und ich hocke hier halbangezogen im Jammertal? Auf gar keinen Fall.

In schöner Regelmäßigkeit fragen mich Freunde oder Bekannte, ob ich denn etwa schon wieder beim Fußball war, mit diesem leicht belustigten Gesichtsausdruck, den ich schon so lange so gut kenne. Wenn sie dann, meist ohne meine Antwort abzuwarten, zum nächsten Thema übergehen und mir in aller Ausführlichkeit von ihren Shoppingsamstagen erzählen, ihren Kuchenbacksamstagen, Trödelmarktsamstagen, Fitnessstudiosamstagen, Kindergeburtstagssamstagen, Lass-mich-in-Ruh-Samstagen und Ich-geh-mal-ins-Büro-Samstagen, dann frage ich mich, was zur Hölle an meinen Samstagen so amüsant ist. Und weshalb sie sich offenbar nicht die Spur dafür interessieren, warum ich eigentlich so gerne zum Fußball gehe. Ich würde es ihnen gerne erzählen und sogar ein paar meiner Rezepte verraten … na gut, alle. Aber sie fragen nicht, nie. Sie denken sich nur was zurecht. Und manchmal, wenn ich nicht so ganz bei mir bin, ein bisschen schlecht gelaunt und schwach und lustlos wie heute, dann habe ich das Gefühl, sie verstehen zu können, diese Leute. Dann überlege ich, ob ich mir nicht ein weniger »skurriles« Lieblingshobby antrainieren soll, Lesen oder so. Ach Quatsch, irgendwas Geselliges. Und dann bekomme ich noch schlechtere Laune und fühle mich noch schwächer und noch lustloser als zuvor. Und dann gehe ich los.

Die Partie gegen den Tabellenzweiten endet 0:0, für TeBe ist das ein gewonnener Punkt nach einer sehr engagierten Leistung, für mich ein gefühlter Kantersieg. Ich habe den großen Regenschirm dabei, völlig umsonst natürlich, ha ha! Ich treffe Stephen und Ian, die das wundervolle No Dice Magazine machen (das ihr alle sofort lesen solltet), und das ist eine kurze, aber so sympathische, warme Begegnung, dass ich den ganzen Heimweg über lächeln muss, den neuen Button am Mantelkragen. Und an den Konfettiregen denken, an die Sprints von Taflan, an den hübschen Hund, das charmante Halbzeitelfmeterschießen, meinen Lieblingsfangesang, diese außerordentliche Kulisse … Und gleich ist da diese Party, auf die ich mich seit Tagen freue. Um ehrlich zu sein: Ich habe überhaupt keine Lust.



5. März 2012 12

Kein Liebeslied

| Abseits

Ich habe mich schon so oft gefragt, was eigentlich passiert, wenn man da mal zufällig hineingerät. Wenn man das alles direkt mitbekommt, nicht nur vom Hörensagen oder als Bericht im Netz, den man jederzeit lesen kann, mit einer Kaffeetasse in der Hand und warmen Socken an den Füßen. Was passiert eigentlich, wenn man mal mittendrin ist und sich nicht entziehen kann? Was will man dann machen – macht man überhaupt irgendetwas? Und was fühlt man in einem solchen Moment? Überhaupt irgendetwas?

»Treten Sie von der Bahnsteigkante zurück, der Zug fährt ein.« Die Durchsage ist unmissverständlich und ich folge der Anweisung wie alle anderen um mich herum, was gibt es da auch nachzudenken. Ich bin gedanklich ohnehin ganz woanders, Bremen hat 0:1 verloren und nicht besonders gut gespielt, und dann war da noch dieser Hertha-Fan, der einer Dame auf dem Weg zur Bahn den Werder-Schal vom Mantel gezogen hat. Ich ging direkt dahinter und konnte doch nichts tun, außer mich zu empören. Ich drehte mich um, sah den Mann wegrennen, machte die Frau auf den Diebstahl aufmerksam, rief noch laut »Hey!«, doch da war es ja längst zu spät, der Idiot über alle Berge und von hinten drängelten die Menschen. Was für ein Irrsinn. Und wie albern ich mir mit einem Mal vorkam – »Hey!« rufen und böse gucken, was für eine Spitzenidee …

Ich trete also wie befohlen ein paar Schritte zurück vom Bahnsteigrand, und der Zug hat noch nicht ganz gehalten, da schubst schon die Ungeduld von allen Seiten, viel zu viele Leute quetschen sich ins Abteil, laut und rücksichtslos und als gäbe es drinnen Freibier. Alles wie immer also. Ich erwische einen Sitzplatz, umklammere die Tasche auf meinem Schoß und schließe die Augen. Hoffentlich geht es schnell.

Die koordinative Leistung der Menschen ein paar Meter weiter, die es schaffen, gleichzeitig zu hüpfen und rhythmisch gegen die Fensterscheiben zu schlagen, nehme ich ruhig atmend zur Kenntnis und ziehe meinen Schal noch etwas höher. Die Bahn wackelt bedrohlich, aber ich bin ja bald da. Und dann beginnt die Gruppe junger Männer mit dunklen Brillen und kurzen Jacken plötzlich zu singen. Sie stehen direkt neben mir, diese Männer, vor mir, überall um mich herum, und sie singen laut und hässlich. In Dur.

Wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor für Türkiyemspor

Schiedsrichter, Jude, das war Foul!
Und nach dem Spiel, da gibt’s aufs Maul,
wenn’s in die 3. Halbzeit geht,
zu Allah zu beten ist dann zu spät […] *

Ich traue mich nicht aufzustehen, zu reagieren, irgendetwas zu sagen. Ich traue mich nichts. Wie geprügelt fühle ich mich von ihren Worten, ihrem ganzen Auftreten, bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. In diesen viel zu langen Minuten, in denen sie ihre Lieder grölen und die Bahn wankt, als tanze sie dazu, ist alles auf so offensichtliche und beängstigende Weise falsch. Diese Männer: falsch. Diese Parolen: falsch. Diese hämmernden Fäuste: falsch. Diese Enge: falsch. Diese Erstarrtheit: falsch. Ich: falsch.

Als ich die U-Bahn verlasse, die Finger in den Jackentaschen verkrampft, habe ich Tränen in den Augen, und tatsächlich gibt es jetzt nur eines, was ich wirklich will: weinen. Ein bisschen vor Wut – auf die und auf mich selbst und auf die Welt –, ein bisschen vor Hilflosigkeit und ein bisschen auch, um mir selbst zu versichern, dass ich noch da bin. Es gelingt mir nicht.

* Ich möchte nicht den ganzen widerlichen Text zitieren, und auch nicht die weiteren, die diesem hier folgten. Allein die nachträgliche Recherche hat mir Mühe bereitet, obwohl Google einem ja sofort alles vor die Füße spuckt. Oder gerade deshalb. Wer mehr wissen will, kann mal hier oder hier klicken.



26. Februar 2012 0

AuswärtsBerliner SC – Tennis Borussia Berlin 2:0

| Ballkontakt

»Ich fühle mich gerade komisch, ein bisschen wie im Urlaub«, sage ich, als wir später im Bushäuschen sitzen und auf die Linie M29 warten und die Sonne uns wärmt wie noch nie in diesem Jahr. So ein Urlaub an einem Ort, den ich für maximal einen oder zwei Tage ertrage, weil für mich dort kaum etwas wirklich greifbar ist – es ist grün und beschaulich, die Leute im Schnitt etwas älter, gut gekleidete Damen mit Hund auf dem Arm, und an den Laternen klebt nichts außer schwerem Parfüm. Auf den ersten Blick ist nichts grundlegend falsch an einem solchen Schönwetterort, alles ist ganz hübsch, aber leider atmet es nicht.

Wir atmen. Zerknittert. Sitzen da und warten auf den Bus und sagen nichts mehr, weil es nichts mehr zu sagen gibt. Ein furchtbares Spiel war das. Zwei Gegentore, ein eigenes Tor, das nicht gegeben wurde, ein eigener Elfmeter, der kurz vor der Ausführung in einen Freistoß für den Gegner umgewandelt wurde. Ein schlechter Schiedsrichter, Kunstrasen, Pech. Gelb-Rot, Rumgepöbel, Matsch. Keine Bratwurst. Was soll man da schon sagen, das war alles Mist.

Am Vormittag hatten wir uns voller Vorfreude auf den Weg gemacht, mit Sonnenbrille statt Mütze. Endlich mal wieder ein Spiel, das nicht den widrigen Witterungsbedingungen zum Opfer fallen, sondern stattfinden sollte, und dazu ein blauer Himmel, was für ein Glück. Ich liebe diese Anreisen zum Spiel, das Gleich-geht-es-los-Gefühl, die Gleich-sind-wir-da-Zappeligkeit. Und wenn man unterwegs schon anderen begegnet, für die gleich ebenfalls etwas losgehen wird. Die aus allen möglichen Richtungen kommen, in Grüppchen oder allein. Und wenn sich dann vor Ort alles findet, begrüßt, oft stumm, weil man sich gar nicht kennt, aber umeinander weiß. Parole lila. Wenn man den anderen ansieht, dass auch ihre Nacht kurz war, wegen dieser außergewöhnlich frühen Anstoßzeit und natürlich wegen gestern. Dieses Ankommen ist mein 1:0, jedes Mal.

Als der Bus ankommt, wird mir klar, was mich neben der blöden Niederlage besonders bedrückt an diesem Kurztrip an die Hubertusallee. Es sind die vielen Verbotshinweise. Fahrradfahren verboten. Hunde an die Leine. Platz gesperrt. Treppe zum Platz gesperrt. Maschendrahtzaun. Lärm verboten. Tröten raus. Bitte leise freuen. Oder am besten gar nicht. Ich freue mich auf Mittwoch, da ist Heimspiel. Wir werden summen singen und trinken und Wurst essen, vielleicht werden wir auch jubeln, losjetzthier, und das Flutlicht wird uns wärmen wie ein Lagerfeuer.



22. Februar 2012 0

Esst mehr Obst

| Spielplan

»MELONE«. Foto: Copyright © Sarah Illenberger

Über Okkas Blog Slomo beziehungsweise Marlenes dortige Kolumne bin ich vor einiger Zeit auf die Berliner Künstlerin Sarah Illenberger aufmerksam geworden. Ihre Arbeiten sind faszinierend, besonders dieses köstliche Melonending da oben hab ich zum Fressen gern.

[Mmmmmhh: Sarahs Prints kann man essen kaufen. Nichts wie hin.]



18. Februar 2012 0

Herzrasen

| Abseits

Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich, das Amt des Mommsenrasens nach innen und nach außen so wahrzunehmen, wie es notwendig ist.

Der Mommsenrasen schmeißt hin. Schon in der Vergangenheit galt er als gesundheitlich labil, durch die Negativkampagne der letzten Wochen in Medien und sozialen Netzwerken fühlt er sich nach eigener Aussage nun zusätzlich geschwächt und verletzt. Ob der Mommsenrasen künftig noch Chancen auf eine tragende Rolle in der Freiluftwirtschaft haben wird, ist zur Stunde nicht bekannt. Besonders tragisch: Ein Interimsrasen steht bis auf Weiteres nicht zur Verfügung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.



16. Februar 2012 0

| Anstoß

Ich bezeichne mich doch auch nicht als Musikliebhaber und pfeife dann auf ’nem Konzert die Beatles oder Queen oder Johnny Cash aus!



6. Februar 2012 0

| Anstoß

Untenrum ist es sehr, sehr wichtig.



16. Januar 2012 1

Friede, Freude, Marmorkuchen

| Hoffnungsträger

Anpfiff. So ging er los, der Fankongress 2012. Das Motto: »Dialog statt Monolog!«

 
»Endlich Bier!«, ruft einer durchs Foyer, es ist Samstag, 15:30 Uhr, und es gibt Marmorkuchen. Dazu Wasser. Kaffeepause beim Fankongress 2012, Schlangestehen am Kuchenbüfett. Arminia Bielefeld hat bereits direkten Zugriff auf die reichhaltig bestückten Gebäckplatten, dicht gefolgt vom 1. FC Köln, Borussia Dortmund und Dynamo Dresden. Es herrscht Einigkeit: Lecker, dieser Kuchen. Cool, dieser Kongress. Grandios, dieses Fansein.

Zur gleichen Zeit irgendwo im Netz: Die zweitägige Veranstaltung im Berliner Kosmos ist kaum richtig ins Rollen gekommen, da wird schon – wie im Fußball so üblich – nach Ergebnissen gefragt. Was es denn nun gebracht habe, das Zusammentreffen von gut 500 Fußballfans aus mehr als 60 Vereinen, vorwiegend erste und zweite Liga. Welche Lösungen man abseits des Marmorkuchens herausgearbeitet habe. Ob es denn endlich Resultate gebe … Ja, die gibt es. Sogar eine ganze Menge.

Einer der wichtigsten Erfolge des Kongresses ist zweifellos, dass er überhaupt stattgefunden hat. Professionell organisiert von ProFans, ohne Unterstützung der Verbände (ein finanzielles Angebot der DFL lehnte man ab), dafür mit einwandfreiem Catering und vielen interessanten Gästen. Die Stimmung war freundlich, offen und sachlich, Rivalitäten machten sich maximal in Form von skeptischen Blicken oder unterschiedlichen Wegen zum Klo bemerkbar.

Um für den Erhalt der Fankultur zu kämpfen, ist es wichtig zu erkennen, dass diese Fankultur trotz selbstverständlicher individueller Besonderheiten in den Vereinen ein gemeinsamer Schatz ist, auf den es zusammen aufzupassen gilt. Konkurrenz ist schön und gut, aber bei großen Themen wie Pyrotechnik, Preispolitik und 50+1-Regel bringen überstürzte Alleingänge wenig. Sie schrecken die Gesprächspartner eher ab, als dass sie als ernsthafte Kommunikationsgrundlage angesehen werden. Deshalb der Kongress. Deshalb Dialog.

Natürlich kann man sich darüber ärgern, dass DFB und DFL »lediglich« Fan- und Sicherheitsbeauftragte geschickt haben, anstatt sich – beispielsweise durch die Herren Zwanziger und Rauball – prominenter aufzustellen. Natürlich ist es schade, dass die ZIS einen Tag vor Veranstaltungsbeginn die Absage ihres Vertreters Ingo Rautenberg verkündet hat. Und natürlich ist es legitim, sich darüber aufzuregen, dass »die Polizei« dem Kongress also fernblieb, am Samstagabend aber nach Veranstaltungsschluss vier Mannschaftswagen vor dem Kosmos hielten, deren Insassen sich laut Veranstalter »mal ein wenig umschauen wollten«. (Den Marmorkuchen haben sie nicht angerührt.) All das ist bedauerlich und sollte nicht unter den Tisch fallen, viel bedeutender aber ist, dem etwas entgegenzusetzen, und dafür war der Fankongress weit mehr als ein wichtiges Signal. Sachlichkeit, Kommunikationsbereitschaft, Hartnäckigkeit – das sind einige der Hauptargumente, mit denen die deutschen Fußballfans die »Stakeholder«, wie sie vor Ort oft genannt wurden, beeindrucken und überzeugen können.

Zu den eindrucksvollsten Programmpunkten des Fankongresses zählten das Gespräch mit dem Briten Michael Brunskill (Football Supporters’ Federation), der von den Verhältnissen in England erzählte, und der anschließende Bericht von Blogger und Italien-Experte Kai Tippmann. Sie machten deutlich, was passieren kann, wenn Fangruppen den Dialog verweigern und sich hinter ihrem Lokalpatriotismus verbarrikadieren (Campanilismo), und wie der konkrete Alltag eines britischen Fußballfans aussieht, der sich die Eintrittskarte fürs Stadion nicht mehr leisten kann. Etwa 1.200 Euro koste die günstigste Dauerkarte bei Arsenal, »in der Premier League geht es nur noch ums Geld«, so Brunskill. In England spiele sich Fankultur aus diesem Grund inzwischen vorwiegend in den Pubs ab, in Italien gibt es laut Tippmann zum Teil dort, wo noch vor ein paar Jahren Tausende zusammen gesungen haben, heute nur noch lobenswert engagierte Kleingruppen – »manchmal nicht mehr als zehn, zwölf Leute« –, die beispielsweise ein Transparent gegen die Tessera del Tifoso in die Höhe halten.

Sicher, die meisten haben schon davon gehört, dass es in England ziemlich teuer ist, ein Fußballspiel live im Stadion zu verfolgen, und die meisten blicken wohl auch mit einer Mischung aus Faszination und Betroffenheit auf die italienische Ultràbewegung in den 80ern oder 90ern. Doch es berührt eben ungleich stärker, wenn man zwischen Anhängern ganz verschiedener, zum Teil verfeindeter Vereine in einem violett gepolsterten Kinosaal sitzt und jemandem zuhört, der anschaulich aus erster Hand berichtet und ganz nebenbei darauf hinweist, dass viele Fußballfans im europäischen Ausland neidisch auf die deutschen seien, weil die es hier so gut hätten mit all ihren Mitbestimmungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen, von denen Italiener oder Engländer träumen. Fankongresse wie der in Berlin wären dort undenkbar. Es waren sehr unterschiedliche Szenarien, die beide Vortragenden schilderten, und doch handelte es sich um dieselbe Botschaft: Freut euch, macht was, setzt euch ein, möglichst gewaltfrei, aber vehement. Und das ist ein weiterer Effekt des Fankongresses: nicht nur theoretisch um eine Möglichkeit der Einflussnahme zu wissen, sondern wirklich zu spüren, dass es wichtig ist, die eigene Verantwortung wahrzunehmen. Ein Gefühl für den Gesamtkontext zu bekommen und dadurch Missstände, aber auch Wünsche klarer definieren und formulieren zu können.

Vielleicht ist es das, was der DFL-Fanbeauftragte Thomas Schneider eigentlich meinte, als er bei der großen Podiumsdiskussion am Samstagabend in unangemessen vorwurfsvollem Ton von mangelnder Selbstreflexion sprach. Selbstreflexion im Sinne von: die eigenen Möglichkeiten erkennen, sich selbst und sein Tun kritisch betrachten und realistisch einschätzen. Und aus dieser Einschätzung heraus den Mut haben, sich zu beteiligen – individuell, im eigenen Verein oder auch vereinsübergreifend. Protest, ja, unbedingt. Aber eben auch: Beteiligung. Das geht gewiss nicht, wenn man einer Wand aus Uniformierten gegenübersteht, aber bei so einem Fankongress, und darüber hinaus, geht das sehr gut. Schenkt man den Worten von Schneider und seinem DFB-Kollegen Gerald von Gorrissen (ebenfalls Fanbeauftragter) Glauben, dann greift die ausgestreckte Hand der Fußballfans keineswegs ins Leere, weil Gesprächsbereitschaft bei DFB und DFL durchaus in hohem Maße vorhanden sei. Ob das wirklich so ist, darf gerade in Bezug auf das Thema Pyrotechnik angezweifelt werden – die Sache mit der Selbstreflexion gilt jedenfalls für alle involvierten Parteien, und die Fans haben mit ihrem Kongress in Berlin erst mal ordentlich vorgelegt.

Die Journalistin Nicole Selmer befand bei der Abschlussveranstaltung, die Mitwirkung der Teilnehmer(innen) sei ihrer Ansicht nach zu gering gewesen. Man hätte noch viel konstruktiver diskutieren können, wenn sich die Fans während der Vorträge aktiver eingebracht hätten. Das ist zwar richtig, aber zum einen fehlten auf den Podien mitunter Vertreter von Gegenpositionen, zum anderen ist diese Dimension des Mitmachenkönnens vielen jüngeren Fans überhaupt nicht vertraut. Wenn diese Fans das Gefühl aus Berlin mitnehmen, dass sie Einfluss haben, gehört werden und mit ihrem Anliegen nicht alleine sind, und wenn sie davon ausgehend ihren eigenen Weg finden, sich für das einzusetzen, was sie am Fußball besonders lieben, dann ist dies mit Sicherheit das wertvollste und ermutigendste Ergebnis des Wochenendes.

[Einige lobenswerte Initiativen und Interessenvertretungen, die in Berlin dabei waren: Aktion Libero, Amnesty International (Polizei), BiBeriS, Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF), Erhalt der Fankultur, Fananwälte, Fanrechtefonds, FARE, Football Supporters Europe (FSE), Fußballfans gegen Homophobie, Kein Zwanni, Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), ProFans, Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren, Soccer Sound (LSVD), Unsere Kurve.]



11. Januar 2012 0

| Anstoß

Um mich herum flippt alles komplett aus, Konfetti, Gesang, das volle Programm, wildfremde Menschen fallen sich um den Hals, Steffen drückt mir einen Schmatzer auf die Wange, ich hüpfe mit herum, alles strahlt und tanzt und singt, was! für! ein! Fest!



4. Januar 2012 1

Lancelot

| Abseits

Ohne Naldo wird Werder untergehen. So ungefähr wie in der Hinrunde.
(Und ohne Pizarro bestenfalls zweite Liga spielen. So wie neulich, ihr erinnert euch doch?)

Die Wahrheit: Ronaldo Aparecido Rodrigues ist mein Lieblingsbremer, er macht mir gute Laune wie sonst kaum einer. (Direkt gefolgt von: Pizarro.) Aparecido, jedes Mal muss ich grinsen, wenn die Fußball-App diesen Namen anzeigt und dazu dieses lachende Gesicht. Und dann dieser Anlauf. Und dann diese Grätschen. Ich steh ja auf Grätschen, ach was, auf Grätscher steh ich! Und eine Zahnspange hatte ich früher auch mal. Und Wiese im Nacken. Aparecido, ach, tapferer, furchtloser.

Manchmal wünsche ich mir ein letztes betrunkenes Festmahl mit all jenen, die ich so sehr mag, Ritter der Tafelrunde, sehne mich nach der unmöglichen Begegnung in völlig absurdem Kontext, weil sich dadurch der Kloß in der Kehle lösen würde, und der stumme Groll – und das Vermissen, das würde sich für ein paar Momente verkleiden, und bliebe doch: ein nacktes Gefühl, so zittrig wie Fernweh. Aparecido. Aparecido, ach.

Die Wahrheit: Alles ist wie immer, alles ist wahr, und nichts, und alles ist gut.
Ein bisschen traurig, aber gut. So wie Micoud.



31. Dezember 2011 4

Elf

| Rückpass

Fotos: Copyright © Stefanie Barthold

Habe lange nicht mehr so viel Fußball gesehen wie in diesem Jahr, lange nicht mehr so viel über Fußball nachgedacht, lange nicht mehr so viel beim Fußball gelacht.

Ganz besonders berührt hat mich die »Aktion Libero«, dieser wochenlange emotionale Ausnahmezustand, das gemeinsame Planen, Fiebern, Wünschen und Wollen, die Aufregung und die Dankbarkeit. Tolle Menschen, die ich durch dieses Projekt ein bisschen kennenlernen durfte. Habe so etwas zum ersten Mal erlebt und bin immer noch sehr beeindruckt. Liebe Aktion-Libero-Leute, ihr seid wunderbar.

Und sowieso: diese vielen ersten Male.

Zum ersten Mal ein Werder-Spiel im Weserstadion gesehen, endlich! (Ach, Bremen, du bist leider viel zu weit weg, und das unverschämterweise seit Jahren schon.)
Zum ersten Mal zu Union in die Alte Försterei gewandert.
Zum ersten Mal an einem Bundesliga-Tippspiel teilgenommen.
Zum ersten Mal unrund getwittert.

Zum ersten Mal über den Kauf einer Dauerkarte nachgedacht.
Zum ersten Mal fast geheult inmitten singender Fanmenschen.
Zum ersten Mal geheult inmitten singender Fanmenschen.

Und sowieso: dieser neue Lieblingsverein, der mir in den letzten Monaten so den Kopf verdreht hat. Der mich tatsächlich dazu gebracht hat, neulich nach dem Spiel die ganze Mannschaft abzuklatschen (huch). Lieder mitzusingen, obwohl ich den Text gar nicht kenne. Allein zum Auswärtsspiel zu fahren, quer durch Berlin, mit dreimal umsteigen, halbgefrorenvollzufrieden. Der Verein mit den charmantesten Fans, die mir je begegnet sind. Der Verein, der dafür gesorgt hat, dass ich seit Jahren mal wieder Hallenfußball gesehen habe – und mich daran erinnert, wie sehr ich in das Geräusch quietschender Sohlen auf Turnhallenboden verliebt bin. Der Verein, bei dem ich mich … irgendwie … sauwohl fühle, selbst in der Phase des schüchternen Herantastens, in der ich mich befinde. Ja, so einfach ist das nämlich mit dem Fansein: Das ist dieses warme Gefühl, das du beim Betreten des Stadions hast, und beim bloßen Gedanken ans Dortsein, beim Gedanken an all die anderen Menschen, die gern dort sind, beim Gedanken an den Moment, in dem die Mannschaft aufs Feld läuft.

Ich freue mich so sehr darauf, dass all das weitergeht, morgen schon, bin gespannt und wie fast immer ein bisschen zappelig, besonders jetzt gerade, nach dem zweiten dritten Sekt und mit feuchten Augen (äh, vom Zwiebelnschneiden fürs Raclette).

Tschüss, Zweitausendelf, du famoses Jahr.
Prost, Zweitausendzwölf. Mach es dir gemütlich, ich hol dir ’n Glas. Oder willste ’n Becher?

[Konfetti: Aktion Libero, Fußballfans gegen Homophobie, Der Lila Kanal, Werder Bremen, No Dice Magazine, freitagsspiel.]



13. Dezember 2011 2

No Dice

| Spielplan

We have always believed that football is a perfect way to understand and get inside a city and its people. This is as much the case in Berlin as anywhere else. Berlin – with its unique history of togetherness and division, of war and peace, of immigrants and locals – tells so many stories through its football.

Das No Dice Magazine ist neu, toll und unterstützenswert. »Berlin football. In words, photos and illustrations.« Dass es so etwas überhaupt gibt – ein hochwertiges englischsprachiges Magazin, das sich quer durch alle Ligen mit dem Berliner Fußball beschäftigt – und dass es dann auch noch mit so viel Herz und Humor (und natürlich Fußballsachverstand) umgesetzt wird, das begeistert mich sehr.

Seit dem Sommer hat das No-Dice-Team an der ersten Ausgabe gearbeitet, jetzt steht sie als PDF-Download (für sagenhafte 50 Cent oder gern auch mehr) bereit. Die gedruckte Auflage ist auf 100 Exemplare limitiert. Aber – yeah! – schon im Februar kommt die zweite Ausgabe. Ich bin jetzt schon süchtig.

Drei Doppelseiten aus dem ersten Heft. Copyright © No Dice Magazine

[Guckt mal: No Dice bei Facebook und Twitter.]