23. März 2014 0

Gooool mit vier »o«

| Hoffnungsträger, Spielplan

Als mich Alois vor ein paar Monaten gefragt hat, ob ich sein Fußballbuch über Brasilien lektorieren möchte, wusste ich noch nicht, dass daraus ein so besonderes Projekt werden würde. Unverhofft hat sich »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft« für mich zur Herzensangelegenheit entwickelt. Futebol ohne Anführungszeichen, Seleção mit Cedille und Tilde, die Basics waren schnell klar. Der Zauber lag im Detail. Im Ohr den Lektoratssoundtrack in Dauerschleife, vor der Nase was mit Limetten, Eis und Zucker, gedanklich im Wechsel irgendwo in São Paulo und bei Gooool mit vier »o«. So hätte das ewig weitergehen können.

»Gooool do Brasil« hat mich begeistert. Jetzt, da das Werk endlich in meinem Bücherregal steht und die Freude darüber irgendwie kein Ende nehmen will, habe ich Alois ein paar Fragen dazu gestellt. (Seinen Vorschlag, das Interview auf Österreichisch zu führen, musste ich bedauerlicherweise ablehnen.)

Jeder Oasch macht heut’ ein Buch. Wann und warum hast du gesagt: »Ich auch!«?
Ende 2008 war mein erster Aufenthalt in Brasilien. Eins führte zum anderen: Die Liebe (zu Futebol), die Lust (auf ein Buchprojekt) und die relativ neue Leidenschaft zur Fotografie. Und: Ich liebe Bücher beziehungsweise Magazine.

Liebe, Lust und Leidenschaft. Nicht die schlechtesten Zutaten für ein gutes Buch. Und hast du dir irgendwann auf halber Strecke mal gedacht: »Ach nö, ich mach’ doch keins«?
Auf viertel Strecke, auf halber Strecke und auf dreiviertel Strecke. Ich leide beim Schreiben, es ist die Hölle. Ich verfluchte es jeden Tag. Aber wenn dann ein Absatz, ein Kapitel und dann das ganze Buch fertig ist, ist das schon sehr toll.

Du bist bei »Gooool do Brasil« gleichzeitig Autor, Fotograf, Gestalter, Verleger, Marketing- und Vertriebschef … hab ich noch was vergessen? Du machst wohl gerne alles alleine.
Die verwendete Schrift im Buch ist allerdings nicht von mir. Gerne alles alleine? Jein. Sagen wir so: Das Projekt war mir einfach zu wichtig, um irgendwelche Kompromisse einzugehen. Abgesehen davon habe ich den Eindruck, dass die Verlagsbranche völlig im Eimer ist, beziehungsweise irre konservativ. Das Ganze mal unabhängig von den bescheidenen finanziellen Konditionen.

Dafür riecht jetzt deine ganze Wohnung nach Fußballbuch! Wäre mit einem Verlag undenkbar gewesen.
Wenn ein Autor nur zehn Stück vom Verlag bekommt, könnte das sehr schwierig werden. Eigentlich riecht nur frisch geschnittenes Gras besser.

Eines meiner Lieblingsbilder aus dem Buch ist dieses hier:

Wie ist es entstanden? Was war das für ein Tag?
Das war 2012 in Recife im Nordosten von Brasilien, beim Spiel Santa Cruz gegen Salgueiro im Estádio do Arruda, regionale Meisterschaft vom Bundesstaat Pernambuco. Muss man nicht kennen. Das Arruda ist eine alte Betonschüssel, ein reudiges Betonungeheuer, Temperatur: 40 °C, vollgepisste Aufgänge, ein echtes Juwel der 1970er-Jahre.

Kann man deine Fotos kaufen?
Ja. Es ist eine Ausstellung in Wien und Graz geplant. Einige Bilder gibt es auch in der Bilderwelt von 11 Freunde, die signierte Variante als limitierte Auflage dann aber nur persönlich.

Gab es einen schönsten Moment, der sich im Buch wiederfindet?
Die schönsten waren glaub ich immer auch die intensivsten: In der Umkleidekabine eines Amateurteams, bei den 500 Schönheitsköniginnen in Manaus, unter der Fahne von Corinthians und das Interview mit Sócrates.

»Aqui tem um Bando de Louco …« singt die »Gruppe von Verrückten« unter der Corinthians-Fahne.
Meiner Meinung nach eins der besten Videos auf Youtube. #Gänsehaut

Wenn du dir eine Begegnung irgendwo in Brasilien aussuchen könntest, bei der du live dabei sein kannst, welche wäre das?
Gilt Vergangenheit auch? Also, beim Spiel Corinthians gegen Boca Juniors, das Rückspiel im Finale der Copa Libertadores, im Juli 2012, da wäre ich schon gern dabei gewesen. Corinthians hat da zum ersten Mal die verdammte Schüssel gewonnen.

»Das beste Team der Welt«, sagen zumindest die Fans. Das gerade ein schickes großes Stadion gebaut bekommt, in dem das WM-Eröffnungsspiel stattfinden wird. Wie findest du das?
Ich bin ja ein großer Fan vom aktuellen Stadion, vom Estádio do Pacaembu. Das ist sicher nicht so schick wie das neu Itaquerão, liegt aber sehr zentral in São Paulo und ist einfach seit Jahrzehnten das »Wohnzimmer« von Corinthians. Aber wir sprechen ja von der »Copa« und hier gelten eigene Gesetze, egal ob in Südafrika oder in Brasilien. Für Romantik und Sentimentalitäten ist da nicht immer Platz.

Hast du einen Lieblingsspieler in der aktuellen Seleção?
Dante von den Bayern ist einfach ein super sympathischer Typ. Dani Alves auch. Wenn man ihn über sein Heimatteam EC Bahia sprechen hört, das ist schon sehr bewegend. Bei Paulinho von Tottenham Hotspur find ich die Karriere beeindruckend: Vor einigen Jahren noch in Litauen, Polen bzw. in den unteren Ligen von Brasilien, ist er mittlerweile ein Fixstarter im Team. Auch noch gut: Thiago Silva. Und natürlich: Ronaldinho, der in meiner aktuellen Seleção auch noch dabei wäre.

… der bei der WM 2002 im Viertelfinale gegen England dieses unglaubliche Freistoßtor geschossen hat. Im Buch schreibst du:

Auf der einen Seite ein benommener und fassungsloser David Seaman, 38 Jahre alt, auf der anderen Seite ein ewiges kleines Kind, mit neunzigminütigem Lächeln im Gesicht. Es war ein Sieg des brasilianischen Spielwitzes über die englische Korrektheit und ein Triumph der südamerikanischen Improvisation über die europäische Rationalität.

Mehr »Golaço« geht eigentlich nicht. Du meinst also, der kann das immer noch?
Klar. In der Sprache eines Trainers gesprochen: »Er kann noch immer den Unterschied ausmachen, jederzeit.« Ich wandle hier ein schönes Zitat von Nelson Rodrigues ab: »Kein Mann käme auf die Idee, die Königin von Saba oder Kleopatra im Bett nach ihrer Geburtsurkunde zu fragen. Was geht es uns an, ob Ronaldinho siebzehn oder dreihundert Jahre alt ist, wenn er das Spiel entscheidet? Wenn der Ball ihn auswählt und bevorzugt.«

Liebe, Lust und Leidenschaft. Vermisst du manchmal den Ronaldo-Fan Bruno und seine Saftbar in Rio?
Dieser Verrückte …

Ist an Wien irgendetwas brasilianisch?
Wien und São Paulo haben viel gemein. Zum Beispiel das U-Bahn-Netz ist exakt gleich lang. Krass, oder?

Mit einer Kundgebung gegen die Erhöhung der Preise in den öffentlichen Verkehrsmitteln von São Paulo gingen letztes Jahr die landesweiten Demonstrationen los. Rechnest du auch bei der Weltmeisterschaft mit Massenprotesten?
Ja. Und ich hoffe, sie bleiben friedvoll und die Polizei bzw. diverse Sondereinsatzkommandos haben aus ihren Fehlern in den Sommermonaten von 2013 gelernt. Die überzogene Polizeigewalt ist leider noch immer traurige Realität in Brasilien.

Über welchen besonderen Brasilien-Moment steht nichts im Buch?
Ich spiele ja selbst mittlerweile sehr bescheiden Futebol. Aber bei einem Spiel – eine noble private Anlage von sehr reichen Bekannten – erzielte ich drei Tore. Und das Besondere daran, das war auf einem Feld, wo bereits Careca und Maradona spielten (und vermutlich auch Tore erzielten). Amoroso war in meinem Team. Ich war selten nervöser …

Du hast neben Amoroso im Sturm gespielt?
Ich würde eher sagen, Amoroso hat neben mir gespielt.

Was kann man von den Brasilianern lernen, mal abgesehen vom Fußballspielen?
Fruchtsäfte aus Ananas und Minze machen. Dem Wort »Saudade« (Sehnsucht) zwei Millionen Bedeutungen geben. Ordentliche Menschenschlangen bilden. Saukaltes Bier trinken. Und: Umarmungen.

Brasilien wird also Weltmeister, ja?
Fix. Und zwar gegen Italien.

Da wird sich dann viel umarmt. Und was, wenn nicht?
Eine tragische Finalniederlage gegen Uruguay oder Argentinien wäre zumindest für ein weiteres Buchprojekt spannender.

Alle Fotos: Copyright © Alois Gstöttner, Club Bellevue

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Alois Gstöttner
»Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«
176 Seiten, 17×22 cm, 86 Abbildungen
ISBN: 978-3-200-03492-1
24 Euro

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