8. Juni 2008 0

Löwenzahn

| Hoffnungsträger

Als Joachim Löw zum letzten Interview vor dem wichtigen ersten Spiel antrat, ahnte ich, dass meine Enttäuschung der letzten Tage verfrüht war.

Löw hatte noch einen Odonkor gebraucht, für die Stimmung im Land, und sein Odonkor war nicht Adler gewesen, den erwartete ja sowieso jeder, sondern Marin: irgendwie gut der Mann, irgendwie aber trotzdem auf keiner Rechnung. Und klein war er auch, genau richtig also, sein Odonkor-Derivat. Seltsam nur, dass die voraussehbar landesweit einsetzende Euphorie schon im zweiten Halbsatz erstickt wurde, schaut mal: der ist klasse, aber nicht klasse genug. Hä? Im Gegensatz zu 2006 hatte Odonkor Marin also nach Hause fahren müssen. Die Strategie dahinter war mir verborgen geblieben, gut, ein Überraschungsgast als Euphorie-Trigger, das hatte auch ich erwartet, aber wozu jene Ernüchterung? Vielleicht war ja genau das seine Strategie gewesen, über Bande sozusagen, um deutsche und meine Wünsche nicht in den Himmel wachsen zu lassen.

Das war ihm gelungen, dem Löw, und so wartete ich also ein wenig lustlos auf dieses erste Spiel gegen Polen, das wohl mit nahezu identischer Aufstellung wie 2006 beginnen würde. Schon ok, so schlecht war das ja damals nicht, und Neuville ist ja auch wieder dabei. So dachte ich also, bis Joachim Löw nun also zu seinem letzten Interview vor dem wichtigen ersten Spiel antrat, und mit einem Schlag war meine Melancholie verflogen. Löw trug blond! Tatsächlich, der Mann hatte sich die Haare blondiert, wahrscheinlich ein stiller Gruß an seinen Freund von 2006, ganz sicher aber ein Signal: Hey, und jetzt machen wir Ernst! Dann ging es Schlag auf Schlag, nein, natürlich spielt Westermann für Metzelder, ha ha, Trochowski war sowieso ein bisschen verletzt, Marin haben wir deshalb nachnominiert und er wird vielleicht eingewechselt werden, wenn sich in unserem Spiel was festfährt, ha ha, und natürlich haben wir gerade erst gesagt, dass der Enke die Nummer zwei wird, stimmt ja auch, aber die neue Nummer eins, ha ha, das ist Adler, schön, dass Lehmann da mitgespielt hat, oder? Das ist Teamgeist, alter Schwede, ha ha, und er lachte und schlich sich. In diesem Moment begann die EM für mich, und auch dieses erste Spiel, es schien mir voll neuem Reiz.

Ich wurde nicht enttäuscht, die Deutschen spielten mit Druck und viel Witz, und sie spielten: blond. Ebenso wie der Bundestrainer hatten auch sie sich, durch die Bank, die Haare blondiert, ein einziges blondes Feuerwerk dort auf dem Platz, ein Tor nach dem anderen, ein Spieler nach dem anderen, jeder wurde eingewechselt und schoß dann sein Tor, sogar ich kam an die Reihe. Sehr spät zwar, aber immerhin: Ich schoß mein Tor noch vor Ballack. Der kam erst in der letzten Minute zum Zuge, wahrscheinlich wollte er das genau so – einen wuchtigen Schlußpunkt setzen unter sein brillantes Spiel, natürlich ein Kopfball, natürlich in den Winkel. In der Zeitlupe sah man, dass sein Kopf sich vom Halse löste, sofort nachdem er den Ball getroffen hatte, und er stieg in den Himmel, dieser blonde Kopf Ballacks, und er wuchs auf eine Größe, der Kopf, in der man noch niemals zuvor einen Kopf gesehen hatte, so blond, nein: golden, und er schwebte über dem Stadion mit langem Schatten, die Wolken umgaben sein krauses, goldenes Haar und er öffnete den Mund für diesen riesigen Löffel, der da angeschwebt kam, mit Nutella, alles Nutella, überall Nutella.

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