16. Januar 2012 1

Friede, Freude, Marmorkuchen

| Hoffnungsträger

Anpfiff. So ging er los, der Fankongress 2012. Das Motto: »Dialog statt Monolog!«

 
»Endlich Bier!«, ruft einer durchs Foyer, es ist Samstag, 15:30 Uhr, und es gibt Marmorkuchen. Dazu Wasser. Kaffeepause beim Fankongress 2012, Schlangestehen am Kuchenbüfett. Arminia Bielefeld hat bereits direkten Zugriff auf die reichhaltig bestückten Gebäckplatten, dicht gefolgt vom 1. FC Köln, Borussia Dortmund und Dynamo Dresden. Es herrscht Einigkeit: Lecker, dieser Kuchen. Cool, dieser Kongress. Grandios, dieses Fansein.

Zur gleichen Zeit irgendwo im Netz: Die zweitägige Veranstaltung im Berliner Kosmos ist kaum richtig ins Rollen gekommen, da wird schon – wie im Fußball so üblich – nach Ergebnissen gefragt. Was es denn nun gebracht habe, das Zusammentreffen von gut 500 Fußballfans aus mehr als 60 Vereinen, vorwiegend erste und zweite Liga. Welche Lösungen man abseits des Marmorkuchens herausgearbeitet habe. Ob es denn endlich Resultate gebe … Ja, die gibt es. Sogar eine ganze Menge.

Einer der wichtigsten Erfolge des Kongresses ist zweifellos, dass er überhaupt stattgefunden hat. Professionell organisiert von ProFans, ohne Unterstützung der Verbände (ein finanzielles Angebot der DFL lehnte man ab), dafür mit einwandfreiem Catering und vielen interessanten Gästen. Die Stimmung war freundlich, offen und sachlich, Rivalitäten machten sich maximal in Form von skeptischen Blicken oder unterschiedlichen Wegen zum Klo bemerkbar.

Um für den Erhalt der Fankultur zu kämpfen, ist es wichtig zu erkennen, dass diese Fankultur trotz selbstverständlicher individueller Besonderheiten in den Vereinen ein gemeinsamer Schatz ist, auf den es zusammen aufzupassen gilt. Konkurrenz ist schön und gut, aber bei großen Themen wie Pyrotechnik, Preispolitik und 50+1-Regel bringen überstürzte Alleingänge wenig. Sie schrecken die Gesprächspartner eher ab, als dass sie als ernsthafte Kommunikationsgrundlage angesehen werden. Deshalb der Kongress. Deshalb Dialog.

Natürlich kann man sich darüber ärgern, dass DFB und DFL »lediglich« Fan- und Sicherheitsbeauftragte geschickt haben, anstatt sich – beispielsweise durch die Herren Zwanziger und Rauball – prominenter aufzustellen. Natürlich ist es schade, dass die ZIS einen Tag vor Veranstaltungsbeginn die Absage ihres Vertreters Ingo Rautenberg verkündet hat. Und natürlich ist es legitim, sich darüber aufzuregen, dass »die Polizei« dem Kongress also fernblieb, am Samstagabend aber nach Veranstaltungsschluss vier Mannschaftswagen vor dem Kosmos hielten, deren Insassen sich laut Veranstalter »mal ein wenig umschauen wollten«. (Den Marmorkuchen haben sie nicht angerührt.) All das ist bedauerlich und sollte nicht unter den Tisch fallen, viel bedeutender aber ist, dem etwas entgegenzusetzen, und dafür war der Fankongress weit mehr als ein wichtiges Signal. Sachlichkeit, Kommunikationsbereitschaft, Hartnäckigkeit – das sind einige der Hauptargumente, mit denen die deutschen Fußballfans die »Stakeholder«, wie sie vor Ort oft genannt wurden, beeindrucken und überzeugen können.

Zu den eindrucksvollsten Programmpunkten des Fankongresses zählten das Gespräch mit dem Briten Michael Brunskill (Football Supporters’ Federation), der von den Verhältnissen in England erzählte, und der anschließende Bericht von Blogger und Italien-Experte Kai Tippmann. Sie machten deutlich, was passieren kann, wenn Fangruppen den Dialog verweigern und sich hinter ihrem Lokalpatriotismus verbarrikadieren (Campanilismo), und wie der konkrete Alltag eines britischen Fußballfans aussieht, der sich die Eintrittskarte fürs Stadion nicht mehr leisten kann. Etwa 1.200 Euro koste die günstigste Dauerkarte bei Arsenal, »in der Premier League geht es nur noch ums Geld«, so Brunskill. In England spiele sich Fankultur aus diesem Grund inzwischen vorwiegend in den Pubs ab, in Italien gibt es laut Tippmann zum Teil dort, wo noch vor ein paar Jahren Tausende zusammen gesungen haben, heute nur noch lobenswert engagierte Kleingruppen – »manchmal nicht mehr als zehn, zwölf Leute« –, die beispielsweise ein Transparent gegen die Tessera del Tifoso in die Höhe halten.

Sicher, die meisten haben schon davon gehört, dass es in England ziemlich teuer ist, ein Fußballspiel live im Stadion zu verfolgen, und die meisten blicken wohl auch mit einer Mischung aus Faszination und Betroffenheit auf die italienische Ultràbewegung in den 80ern oder 90ern. Doch es berührt eben ungleich stärker, wenn man zwischen Anhängern ganz verschiedener, zum Teil verfeindeter Vereine in einem violett gepolsterten Kinosaal sitzt und jemandem zuhört, der anschaulich aus erster Hand berichtet und ganz nebenbei darauf hinweist, dass viele Fußballfans im europäischen Ausland neidisch auf die deutschen seien, weil die es hier so gut hätten mit all ihren Mitbestimmungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen, von denen Italiener oder Engländer träumen. Fankongresse wie der in Berlin wären dort undenkbar. Es waren sehr unterschiedliche Szenarien, die beide Vortragenden schilderten, und doch handelte es sich um dieselbe Botschaft: Freut euch, macht was, setzt euch ein, möglichst gewaltfrei, aber vehement. Und das ist ein weiterer Effekt des Fankongresses: nicht nur theoretisch um eine Möglichkeit der Einflussnahme zu wissen, sondern wirklich zu spüren, dass es wichtig ist, die eigene Verantwortung wahrzunehmen. Ein Gefühl für den Gesamtkontext zu bekommen und dadurch Missstände, aber auch Wünsche klarer definieren und formulieren zu können.

Vielleicht ist es das, was der DFL-Fanbeauftragte Thomas Schneider eigentlich meinte, als er bei der großen Podiumsdiskussion am Samstagabend in unangemessen vorwurfsvollem Ton von mangelnder Selbstreflexion sprach. Selbstreflexion im Sinne von: die eigenen Möglichkeiten erkennen, sich selbst und sein Tun kritisch betrachten und realistisch einschätzen. Und aus dieser Einschätzung heraus den Mut haben, sich zu beteiligen – individuell, im eigenen Verein oder auch vereinsübergreifend. Protest, ja, unbedingt. Aber eben auch: Beteiligung. Das geht gewiss nicht, wenn man einer Wand aus Uniformierten gegenübersteht, aber bei so einem Fankongress, und darüber hinaus, geht das sehr gut. Schenkt man den Worten von Schneider und seinem DFB-Kollegen Gerald von Gorrissen (ebenfalls Fanbeauftragter) Glauben, dann greift die ausgestreckte Hand der Fußballfans keineswegs ins Leere, weil Gesprächsbereitschaft bei DFB und DFL durchaus in hohem Maße vorhanden sei. Ob das wirklich so ist, darf gerade in Bezug auf das Thema Pyrotechnik angezweifelt werden – die Sache mit der Selbstreflexion gilt jedenfalls für alle involvierten Parteien, und die Fans haben mit ihrem Kongress in Berlin erst mal ordentlich vorgelegt.

Die Journalistin Nicole Selmer befand bei der Abschlussveranstaltung, die Mitwirkung der Teilnehmer(innen) sei ihrer Ansicht nach zu gering gewesen. Man hätte noch viel konstruktiver diskutieren können, wenn sich die Fans während der Vorträge aktiver eingebracht hätten. Das ist zwar richtig, aber zum einen fehlten auf den Podien mitunter Vertreter von Gegenpositionen, zum anderen ist diese Dimension des Mitmachenkönnens vielen jüngeren Fans überhaupt nicht vertraut. Wenn diese Fans das Gefühl aus Berlin mitnehmen, dass sie Einfluss haben, gehört werden und mit ihrem Anliegen nicht alleine sind, und wenn sie davon ausgehend ihren eigenen Weg finden, sich für das einzusetzen, was sie am Fußball besonders lieben, dann ist dies mit Sicherheit das wertvollste und ermutigendste Ergebnis des Wochenendes.

[Einige lobenswerte Initiativen und Interessenvertretungen, die in Berlin dabei waren: Aktion Libero, Amnesty International (Polizei), BiBeriS, Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF), Erhalt der Fankultur, Fananwälte, Fanrechtefonds, FARE, Football Supporters Europe (FSE), Fußballfans gegen Homophobie, Kein Zwanni, Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), ProFans, Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren, Soccer Sound (LSVD), Unsere Kurve.]

Ein Kommentar

  1. […] den diskutierten Inhalten selbst kann man sich anderswo detailliert informieren, über die "Ergebnisse" kann man sich Gedanken machen. Ich persönlich halte […]

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