12. Juni 2007 0

Niemand kneift

| Rückpass

Mein Platz befand sich in der letzten Reihe. Manchmal war er besetzt, wenn ich kam, nicht immer traute ich mich auf Anhieb, das zu beanstanden. Manchmal aß ich mir erst mal Mut an, mit Bratwurst. Dann ging es meist. Hinter der Bratwurstbude begann der VIP-Raum. Davor standen nach den Vereinsfarben duftende Praktikanten in schwarzen Anzügen und geputzten Schuhen.

Mein Platz war ein Plätzchen. Zwischen meinen Beinen stand eine große Tasche, und manchmal tranken der links neben mir und der rechts neben mir Bier aus Plastikbechern. Ich trank nicht, ich tippte. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Hinter meinem Kopf befand sich ein Geländer, dahinter Oberschenkel und mehr Bier. Einmal stand Jürgen Klopp hinter mir, groß und blond und lachend und sofort auffallend als ein Fremdtrainer, der hier nichts zu verlieren hatte. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Ich verkleinerte die Schrift, minimieren, minimieren, kleiner, kleiner, kleiner ging nicht, in der Titelbox stand vorerst nur »Titel«, darunter »x:x (x:x)«, das schien mir fürs Erste ausreichend und meiner Unparteilichkeit angemessen.

Aus Angst, von den ortsansässigen und demnach fachkundigen Biertrinkern insgeheim als ahnungsloses Huhn diskreditiert zu werden, begann ich manchmal schon vor dem Spiel lässig damit, erste allgemeine Notizen zur Begegnung in die leere Textbox zu tippen. Stadionheftstatistik und Expertenfloskelei, bisweilen auch letzte Worte. Manchmal wurden später ganze Sätze daraus, die ich dann routiniert an mir geeignet scheinenden Leerstellen in den Text fallen ließ. Minimieren, minimieren. Hoffentlich guckt Klopp nicht.

Wenn die Gastgeber ein Tor schossen, schlugen mir die Biertrinker manchmal verschwörerisch auf die Schulter, während ihre Blicke irgendwo zwischen Geländer und Laptop in der Kurve hingen. Mir war nach mehr Bratwurst, aber den Grill und mich trennten zweihundert Oberschenkel und zwei eingeschlafene Beine, meine. Und die Restspielzeit. Und: der Titel. In sechsunddreißig Punkt. Los, Panik.

Als es zum letzten Mal laut wurde, musste es schnell gehen, mechanisch, automatisch. Handy raus aus der Tasche, Pinnummerzettelchen, Handy an, Kabel dran, Kabel ans Laptop, wie ging das noch mit dem Wählen, verdammte Technik, Verbindung steht, ich bin jetzt die Maschine, ich funktioniere, den mach ich rein: Text senden, fertig, aus, geschafft, einpacken.

Jürgen Klopp wird längst die Duftwolke passiert haben, und all die Menschen, die das Stadion verließen, begleiteten mein Unwohlsein nach draußen. Ich begann zu atmen. Ja, geht ruhig alle, geht nach Hause, gute Heimreise, bis bald, morgen werdet ihr es ja nachlesen können, dass das alles echt wahr war und einmalig. Zum Abschied Musik, mein Parkplatz eine Pfütze.

Kommentieren