8. September 2011 0

Angst, Maschinen

| Hoffnungsträger

Philipp Lahm ist ein Gewinnertyp. Seit seiner Jugend bei der FT Gern, so betont er selbst immer wieder, ist in seiner Fußballerkarriere nicht viel schiefgelaufen. Er hatte fast immer Erfolg, eine Niederlage galt als Ausnahmeerscheinung. Vielleicht liegt es daran und an seiner Geschichte ganz allgemein, dass sich – so empfinde ich es zumindest – in mehreren Passagen seines kürzlich erschienenen Buches eine recht rudimentär anmutende Definition von Starksein und Schwachsein offenbart.

Lahm rät homosexuellen Mit- oder Gegenspielern (angeblich kennt er »keinen einzigen«) von einem Outing ab, weil er, so schreibt er selbst, Angst hätte. Vor den Reaktionen der Zuschauer, der »Masse«, der Medien, und davor, dass es dem betreffenden Spieler nicht gut ergehen würde. Ich vermute, er fürchtet – und damit ist er gewiss nicht allein – vor allem etwas anderes:

Das Outing des anderen ist immer auch das eigene. Insbesondere ein Kapitän, wie Lahm es ist, müsste Haltung zeigen, eine wie auch immer geartete Position vertreten, vor den Fans, dem Verein, den Mitspielern, vor sich selbst. In einem anderen Umfeld wäre das kein großes Thema, im Fußball leider schon. Lahm wäre also gezwungen, sich intensiver, als er möchte, mit Dingen zu befassen, die außerhalb der Sicherheit des Platzes und jenseits des gelernten Spiels mit dem Ball stattfinden. Er, der den FC Bayern für seine perfekte Struktur und Organisiertheit schätzt, dem das klinsmannsche Durcheinander zuwider war, der Ehrgeizige, Gradlinige, auf Kontrolle Bedachte. Ihm wäre das zu viel, zu unvorhersehbar, es würde ihn stören und womöglich aus der (Erfolgs-)Spur bringen. Lahm fürchtet den Kontrollverlust. So schlimm kann kein Kreuzbandriss sein, kein Ermüdungsbruch und keine Geldstrafe.

… ich weiß, dass er [der schwule Fußballer] darunter leiden würde, und in der Folge seine ganze Mannschaft.

Das schreibt Philipp Lahm, unterschreiben würden es Tausende, und obwohl ich ihm seine Besorgtheit in weiten Teilen abnehme und ihn durchaus für einen mitfühlenden Menschen halte, erschrecken mich der Egoismus und das Kalkül, die in einem solchen Satz durchblitzen. Bitte oute dich nicht, denn das schadet mir, äh, dir.

Das Duell gegen die viel zitierten Führungsqualitäten entscheidet – mit Verlaub – die Angst um den eigenen Arsch klar für sich.

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