Suchergebnisse

6. Oktober 2011 0

Oh boy!

| Hoffnungsträger


So viel wissen, so viel wagen. Es vergehen Minuten, Stunden, und es ist immer noch Zeit für eine Auswechslung, eine taktische Finesse, ein Experiment in der Abwehr. In aller Ruhe. »Gleich, gleich, ich komme gleich.«

Ich stelle mir vor, was all diese Informationen anstellen in so einem kleinen Kopf. Wo sie sich sammeln, wie sie sich formieren, um Datenbank zu werden, plastisch und erinnerbar auf ewig. Minikicker. Ob sie sich nach Verein aufstellen (bestimmt nicht) oder nach Glanz und Glitzer (schon eher) oder ganz brav nach Position … Und was das Wissen um Angriffswerte und Ratings auslöst, wenn es ernst wird beim eigenen Spiel, samstags auf dem Platz, wenn die Mamis zugucken – ob dann so ein Kind manchmal darüber nachdenkt, ob es selbst eher Hattrick-Held ist oder Matchwinner? Und ob es sich fragt, warum der Trainer die Mannschaft nicht auch mal mit fünf Stürmern auflaufen lässt? Denn das geht doch mit den Karten auch: Da kommen Gomez, Ramos, Pizarro, Götze und Raúl super miteinander klar, und hinten braucht es lediglich einen wie Neuer, etwas Glück und noch ’ne Fanta. So viel wünschen, so viel wagen, nie soll das aufhören.

»Heute gewinnen wir 31:0«, lacht er und ich lache zurück. Ich zweifle nicht eine Sekunde.


1. Oktober 2011 0

Siebensachen

| Abseits

Mich erreichte ein Preis. Ein Award! rotkapi hat ihn mir beziehungsweise meinem Blog verliehen, seit gestern probe ich vor dem Badezimmerspiegel meine Dankesrede. Da aber heute kein Filmteam Zeit hatte (Wochenende) und auch kein, sagen wir, Robert Redford sich spontan bereit erklärte, mir während meiner unrunden Rede beschützend die Hand zu halten, schreibe ich euch einen Text. Denn dieser Preis – genauer gesagt: der »Versatile Blogger Award« – kommt nicht nur mit Blumen, sondern auch mit Regelbüchlein daher. Man möge sich bitte bedanken (was für eine Regel!) und im Anschluss seinen Bloglesern sieben persönliche Dinge verraten. Also gut:

Danke, rotkapi, ich freue mich sehr! Dir zu Ehren esse ich, während ich diesen Text bastle, eine Tafel Ritter Sport Marzipan. Macht auch mutiger im Hinblick auf die nun folgenden Geschichten.

Eins.
Ich bin bekennender Ergebnisvergesser. Ich mag Fußball sehr und verfolge ihn seit langer Zeit (mal mehr, mal weniger) intensiv, aber Ergebnisse merke ich mir ebenso wenig wie Tabellenmittelfeldplatzierungen. Dafür weiß ich aber noch ganz genau, wie es damals in der BayArena roch, als United da war, und wie die Bratwurst beim SV Westfalia Rhynern schmeckte. Lecker.

Zwei.
Das WM-Finale 1990 sah ich gemeinsam mit meinem Vater in einem zweckmäßig möblierten Zimmer des Novotels Perpignan. Wir waren auf der Rückreise aus einem unserer Spanien-Urlaube, meine Mutter hatte mit meiner kleinen Schwester den Flieger genommen, Papa und ich fuhren Auto. Yeah! Wir hatten alle deutschen Spiele in unserer Ferienwohnung an der Costa Blanca verfolgt, mit spanischem Kommentar, und uns jedes Mal köstlich darüber amüsiert, wie die Namen der deutschen Spieler ausgesprochen wurden (»Rrriedel«). Und dann Perpignan, unser Finalort. »0:1 Brehme, Elfmeter«, sagt mein Vater heute noch wie aus der Pistole geschossen (die Ergebnisvergesslichkeit kann ich nicht von ihm haben). Ich war damals 13, das Zimmer unsere Hüpfburg. Am nächsten Tag fuhren wir weiter und blieben prompt auf der Autobahn stehen: Tank leer. Mein sonst so akkurater Vater hatte sich mit dem Sprit verschätzt. Was für eine aufregende Reise, was für ein glücklicher Sommer.

Drei.
Ich meide Public-Viewing-Veranstaltungen. Fußballgucken mit vielen anderen Menschen zusammen finde ich nur im Stadion super, ansonsten macht mich das unheimlich nervös. Sportkneipen gehen noch so gerade, aber Spiele, die mir sehr wichtig sind, die ich auf keinen Fall verpassen möchte, schaue ich am allerliebsten ganz allein, zu Hause vor dem Fernseher, inklusive Vorberichterstattung und Analysen. Volles Programm. Da quatscht keiner dazwischen, ich kann zappeln, fluchen, kreischen und hopsen, wie ich will, und in der Halbzeit schnell aufs Klo.

Vier.
Das Ruhrstadion (aka RewirpowerSTADION) ist eines meiner Lieblingsstadien. Möchte gern mal wieder hin.

Fünf.
Ich bin für mehr Bärte in der Bundesliga. Und damit meine ich nicht solche Bärte, sondern eher solche. Okay, so ein Cantona-Bart (an Monsieur Cantona dran) ist natürlich eine Klasse für sich, aber eine erkennbare Tendenz wäre ja bereits entzückend. Gern anstelle der ganzen grässlichen Tattoos.

Sechs.
Apropos Cantona. Looking für Eric ist einer der wundervollsten Fußballfilme, die ich kenne. Eine Empfehlung auch für Nichtfußballinteressierte. Als ich ihn zum ersten Mal sah, auf DVD und auf Französisch (ich hatte mir den Film aus Frankreich mitgebracht), war ich so gefrustet darüber, dass ich Cantonas Französisch kaum verstand, dass ich heulend ausschaltete und die DVD in die Ecke pfefferte. Später ging es dann wieder, hab zwar weitergeheult, aber nicht mehr aus Frust.

Sieben.
Seit vier Jahren lebe ich in Berlin und ich finde es super hier. Meistens bin ich in Friedrichshain, mir gefällt aber auch Pankow, ich gehe abends gern in Kreuzberg weg und trinke manchmal einen Kaffee in Mitte. Ich finde TeBe sympathisch, habe mich neulich bei Union wohl gefühlt und gehe inzwischen auch gerne mal ins Olympiastadion.

Das waren meine sieben Sachen, jetzt kommt der abschließende Programmpunkt: Die im Regelbüchlein vorgeschriebene Weitergabe des Awards an eines oder mehrere meiner liebsten Blogs. Ohne große Worte und von Herzen geht mein Preis an zwei Lieblinge: 96-Sympathisant kutter, dicht und wahr, und das vereinzelt abseitige freitagsspiel. Glückwunsch, die Herren. Weiter mit Musik.


12. September 2011 0

Einer wie Heiner

| Abseits

Copyright © Foto: SV Werder Bremen; Montage: Stefanie Barthold


1. September 2011 10

Mein Herz so schwarz-weiß

| Abseits

So. Habe mal ein paar Jahre darüber nachgedacht, ob es stimmt, dass einem die Liebe verloren geht, wenn man beginnt, sich intensiv mit ihr (bzw. dem, was man liebt) zu beschäftigen. »Professionell«, schriftlich, regelmäßig, öffentlich, eventuell auch für Geld. Ich war mir lange Zeit nicht sicher, aber ich nahm die Sache ernst, wollte da kein Risiko eingehen. Ist es wirklich so, dass der Zauber verschwindet?

Kann sein.
Glaub ich aber nicht.

Neulich habe ich eines dieser Expertenbücher gelesen, in denen dazu geraten wird, stets seinen Leidenschaften nachzugehen, also auch beruflich, nach dem Motto: »Nimm das, was dir wirklich wichtig ist, als Gradmesser, als Ausgangspunkt und Ziel. Verfolge das, was du liebst. Es wird dich nicht nur glücklich, sondern auch erfolgreich machen.« Das Erste, was ich beim Lesen dieser Zeilen dachte, war: Könnte vielleicht auch mal jemand erwähnen – obwohl es unpopulär ist und spielverderbermäßig rüberkommt –, dass man sich seine Liebe auch ordentlich versauen kann, indem man beispielsweise versucht, einen Beruf daraus zu machen, oder sich Regelmäßigkeit vornimmt, sie zum Projekt ernennt? Sollte man sich nicht vielmehr auf das fokussieren, was man gut kann, und das, was man liebt, besser in Ruhe und sich selbst genug sein lassen?

Nö.
Grundsätzlich schließen sich Lieben, Wollen und Können ja erst mal nicht aus. Idealerweise ergänzen sie sich sogar. (Ach was.)

Das mit mir und Fußball, das ist schon lange was Seriöses und geht nicht so schnell verschütt. Aber gelegentlich gilt es zu kämpfen, wie so oft – nicht so einen entbehrungsreichen, aufopferungsvollen Blödsinnskampf, der zu nichts führt und unglücklich macht, sondern einen, mit dem es einem vorwiegend gut geht, der zwar mitunter anstrengend ist, aber auch Kraft gibt. Die Liebe vor den Fouls des Alltags beschützen. Sie nicht verleugnen. Um sie wissen, auch wenn sie sich gerade mal versteckt. Sich für sie einsetzen. All das ist nicht so leicht, dazu braucht es Eier Mut, einen klaren Blick, ein halbwegs intaktes Herz-Kreislauf-System und ein bisschen Glück. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sich Fehler zu verzeihen, das Unentschieden auszuhalten. Und manchmal muss man auch mal alleine durchgehen und in Kauf nehmen, sich zu verdribbeln.

(So. Pathosendspurt.)

Ich liebe Fußball. Ich liebe dieses Weblog. Und jetzt bin ich aufgeregt, mir ist warm, ich hab Puls. Und Lust, wieder häufiger Liebesbriefe zu schreiben. Lange, kurze, kryptische, kitschige, unrunde. Einige werde ich zigmal verwerfen und von Neuem beginnen, so wie diesen hier, andere nie abschicken, aber das macht ja nichts. So ist das eben manchmal mit der Liebe.


15. August 2011 0

Das Erleben der anderen

| Abseits

Je mehr Menschen ich kenne, die für unterschiedliche Vereine mitfiebern, desto interessanter finde ich es, Spiele dieser Mannschaften zu verfolgen. Zwar ist ein rein sportliches, fußballerisches Interesse ohnehin vorhanden, aber mir gefällt auch, was das Wissen um die Leidenschaftsverteilung der anderen mit mir macht.

In meiner Vorstellung werfen einige von ihnen Bierbecher. Andere lächeln. Wieder andere springen auf und tanzen um den Tisch. Manche zuppeln nervös an ihrem Bart. Ein Tor fällt und ich denke: Ach, jetzt freut sich der Soundso. Oder: Oh nein, XY hat gerade einen richtigen Scheißabend … Hoffentlich hat er Bier da. Oder auch: Na los, jetzt noch ein Treffer für Hmhmhm. Und ich muss grinsen, wenn ich beim Blick auf die Kicktipps den Verdacht habe, dass ein Resultat mehr Herzenswunsch als echte Prognose ist.

Ob ich diese Leute nun persönlich kenne, ob ich »nur« ihre Blogs lese oder sie und ihre Vereinslieben mir aus einem anderen Grund in Erinnerung geblieben sind – dieses Miterleben, sei es auch nur imaginärer Natur, ist ziemlich schön.


15. August 2011 1

Stilfrage Bayer Leverkusen – Werder Bremen 1:0

| Abseits

Dutt

Trendfrisur. Foto: Copyright © illleeeegal, photocase.com

»Ich habe es perfekt gemacht«, soll Dutt in der Pressekonferenz die Einwechslung von Rolfes kommentiert haben. Ist der noch zu retten? Na klar, durch die Meisterschaft. Aber wer weiß, vielleicht trägt Leverkusen das Haar bis dahin lieber wieder offen.

[Für einen ganz kurzen Moment so ein Was-wäre-wenn-Gefühl: In Wirklichkeit ist er bestimmt gar nicht arrogant. Gebt dem Mann doch mal Zeit. Und Chancen. Das ist doch gemein, alle hacken auf dem rum. Dabei ist der ganz gewiss nicht so selbstverliebt, wie er rüberkommt, sondern bloß etwas echauffiert, genau wie i… Ach nee, schon gut.]


23. Juni 2008 0

Schichtwechsel

| Abseits

Und in all dem Jubel die Anzugträger, Funktionäre vielleicht, auf jeden Fall aber immer ein bisschen hilflos. Auch sie jubeln, aber sie sind es gar nicht gewöhnt, das Jubeln, die Unbeschwertheit, die Körperlichkeit, ihre Anzüge sind nicht dafür gemacht, Arme hochzureißen. Und ich staune, wenn ein Spieler sich erneut einen jener Anzugträger schnappt, komm her, mein Lieber, und wie er ihn dann umarmt, Seinesgleichen. Funktionäre vielleicht, kann schon sein, aber manchmal stelle ich mir vor, wie sich ein Schalterbeamter der Deutschen Bank dazwischenmogelt. Vielleicht sind das ja alles Schalterbeamte, so viele Funktionäre kann es nicht geben, ein Schalterbeamtenausflug vermutlich, und sie sind unterwegs um zu lernen, wie das geht, das mit der Freude.


17. Juni 2008 0

Dunkelbunt Österreich – Deutschland 0:1

| Hoffnungsträger

Nach einem super Fußballabend freute ich mich heute Morgen auf die Reaktionen im Netz. Was ich sah, war: Beckmann, überall.

Vielleicht lag es am Prosecco, ganz bestimmt an den Gummibärchen und eventuell auch an meiner unverschämt wohlwollenden Grundstimmung, dass mir die Partie gefiel. Die Souveränität des Jens Lehmann, die breite Brust des Michael Ballack, der nimmermüde Lahm, der entschlossene Podolski … Da sehe ich gerne genau hin, das sehe ich gern und zugegebenermaßen viel lieber als die Wolkendecke aus dem Fenster des Fliegers nach Cordoba. Und wie der Zwanziger nach dem Tor die Merkel herzt und danach erst seine Frau. Und Bierhoff umgekehrt (gut, auf der anderen Seite saß ja auch nur der nette aufmüpfige Herr Löw). Das amüsiert mich. Das berührt mich ebenso sehr wie Gomez’ Kampf mit sich selbst, Frings’ unerreichbare Flanken, Fritz’ hängende Schultern und Schweinsteigers unentschiedene Frisur (die aus Nationalfarbigkeitsgründen nach einem roten Kopf verlangt: im Viertelfinale, yeah). Und dann: Hickersbergers gefasste Worte.

Aber wenn das heilige Holland heute zwei weitere Abseitstore schießt, das Pech der italienischen Versagertruppe sich zum Vorrunden-Knock-out potenziert und Ribery diesmal hinten links spielt, um dort das Nullnull zu verwalten, dann ist ja zum Glück endlich wieder alles so, wie es sein muss: schwarz-weiß. Und heimlich, in den Katakomben des Ernst-Happel-Stadions, in einem kleinen Seitengang abseits der Mikrofone und Kameras, tanzt Beckmann mit dem Kaiser langsamen Walzer.


10. Juni 2008 0

Orangina Niederlande – Italien 3:0

| Ballkontakt

Manchmal zweifle ich an meinem Fußballverstand, glücklicherweise geht das in der Regel schnell wieder vorbei. Natürlich sind es die Anderen, die nicht richtig hingeschaut haben – das Spiel Holland gegen Italien hat unter diesem Aspekt vor leeren Rängen stattgefunden.

In der ersten Halbzeit haben sie fantastisch gespielt, keine Frage, in der zweiten Halbzeit haben sie fantastisch gekontert, unbestritten; unterm Strich aber hatten sie: Glück.

Ohne die absurde Auslegung einer Zusatzbestimmung (Seite 72) von Regel 11 wäre das erste Tor ein klares Abseits gewesen, das dritte Tor ganz ohne jede Regel ein gefühltes Eigentor. Dazwischen spielte sich die alte Tragik des Fußballs ab – tausend italienische Chancen ohne Ergebnis. Hätte, wäre, wenn – niemand würde sich über ein Unentschieden gewundert haben. So wundere nur ich mich.

[Disclaimer: Ich esse lieber italienisch als holländisch.]


8. Juni 2008 0

Löwenzahn

| Hoffnungsträger

Als Joachim Löw zum letzten Interview vor dem wichtigen ersten Spiel antrat, ahnte ich, dass meine Enttäuschung der letzten Tage verfrüht war.

Löw hatte noch einen Odonkor gebraucht, für die Stimmung im Land, und sein Odonkor war nicht Adler gewesen, den erwartete ja sowieso jeder, sondern Marin: irgendwie gut der Mann, irgendwie aber trotzdem auf keiner Rechnung. Und klein war er auch, genau richtig also, sein Odonkor-Derivat. Seltsam nur, dass die voraussehbar landesweit einsetzende Euphorie schon im zweiten Halbsatz erstickt wurde, schaut mal: der ist klasse, aber nicht klasse genug. Hä? Im Gegensatz zu 2006 hatte Odonkor Marin also nach Hause fahren müssen. Die Strategie dahinter war mir verborgen geblieben, gut, ein Überraschungsgast als Euphorie-Trigger, das hatte auch ich erwartet, aber wozu jene Ernüchterung? Vielleicht war ja genau das seine Strategie gewesen, über Bande sozusagen, um deutsche und meine Wünsche nicht in den Himmel wachsen zu lassen.

Das war ihm gelungen, dem Löw, und so wartete ich also ein wenig lustlos auf dieses erste Spiel gegen Polen, das wohl mit nahezu identischer Aufstellung wie 2006 beginnen würde. Schon ok, so schlecht war das ja damals nicht, und Neuville ist ja auch wieder dabei. So dachte ich also, bis Joachim Löw nun also zu seinem letzten Interview vor dem wichtigen ersten Spiel antrat, und mit einem Schlag war meine Melancholie verflogen. Löw trug blond! Tatsächlich, der Mann hatte sich die Haare blondiert, wahrscheinlich ein stiller Gruß an seinen Freund von 2006, ganz sicher aber ein Signal: Hey, und jetzt machen wir Ernst! Dann ging es Schlag auf Schlag, nein, natürlich spielt Westermann für Metzelder, ha ha, Trochowski war sowieso ein bisschen verletzt, Marin haben wir deshalb nachnominiert und er wird vielleicht eingewechselt werden, wenn sich in unserem Spiel was festfährt, ha ha, und natürlich haben wir gerade erst gesagt, dass der Enke die Nummer zwei wird, stimmt ja auch, aber die neue Nummer eins, ha ha, das ist Adler, schön, dass Lehmann da mitgespielt hat, oder? Das ist Teamgeist, alter Schwede, ha ha, und er lachte und schlich sich. In diesem Moment begann die EM für mich, und auch dieses erste Spiel, es schien mir voll neuem Reiz.

Ich wurde nicht enttäuscht, die Deutschen spielten mit Druck und viel Witz, und sie spielten: blond. Ebenso wie der Bundestrainer hatten auch sie sich, durch die Bank, die Haare blondiert, ein einziges blondes Feuerwerk dort auf dem Platz, ein Tor nach dem anderen, ein Spieler nach dem anderen, jeder wurde eingewechselt und schoß dann sein Tor, sogar ich kam an die Reihe. Sehr spät zwar, aber immerhin: Ich schoß mein Tor noch vor Ballack. Der kam erst in der letzten Minute zum Zuge, wahrscheinlich wollte er das genau so – einen wuchtigen Schlußpunkt setzen unter sein brillantes Spiel, natürlich ein Kopfball, natürlich in den Winkel. In der Zeitlupe sah man, dass sein Kopf sich vom Halse löste, sofort nachdem er den Ball getroffen hatte, und er stieg in den Himmel, dieser blonde Kopf Ballacks, und er wuchs auf eine Größe, der Kopf, in der man noch niemals zuvor einen Kopf gesehen hatte, so blond, nein: golden, und er schwebte über dem Stadion mit langem Schatten, die Wolken umgaben sein krauses, goldenes Haar und er öffnete den Mund für diesen riesigen Löffel, der da angeschwebt kam, mit Nutella, alles Nutella, überall Nutella.


31. Mai 2008 0

Nachspiel

| Ballkontakt

Sehr geehrte Frau Bundeskanzler, lieber Joachim; jetzt geht es noch in die Kabine – viel Spaß!


25. Mai 2008 0

Anfangs Schwester heißt Ende

| Rückpass

Als ich damals Jens Lehmann interviewen durfte, vergaß ich vor lauter Angst, ihn zu interviewen.

Unauffällig und staunend stand ich neben ihm, neben mir, und lauschte heimlich, lächelnd und mit gesenktem Blick, dem, was andere fragten und Jens Lehmann antwortete. Das fand ich einigermaßen okay, damals, angesichts meines Anfängertums und meiner übermäßig ausgeprägten Ehrfurcht und Angst vor Peinlichkeiten. Die anderen schienen immer so viel souveräner und hatten, so dachte ich, ohnehin die weitaus angemesseneren Fragen. Ich wollte nicht, dass sie lachten über mich, die kleine Praktikantin (die gar keine war, ihr selbstverliebten Wichser!). Ich machte mir Notizen, die ich nachher kaum lesen konnte.

Es war das Derby in Dortmund – wow! –, und es gab weiß Gott genug zu fragen! Aber ich fragte nicht. Ich fragte nie. Stattdessen hoffte ich. Auf Antworten auf meine ungestellten Fragen. Darauf, mich irgendwie durchmogeln zu können. Dass mich niemand erwischte und bestrafte und verhaftete, fürs Nichtfragen. Auf Gnade, auch. Und ich hoffte, dass ich das alles vergessen würde irgendwann.

Meine Fragen unterschieden sich von denen der anderen, und ich machte es mir – aus lauter Scham, aber weil ich es ja dennoch ernst meinte – zur Gewohnheit, sie mir selbst zu stellen, abends im Bett, wenn noch einmal Zehntausende Fans in mir jubelten, sangen, klatschten, buhten, pfiffen, fieberten. Wenn ich die Bratwurst roch und das penetrante Aftershave des Kollegen in der Reihe hinter mir, dann gab ich mir selbst, mit wummerndem Herzen, Antworten auf das, was ich mich öffentlich auszudrücken nie getraut habe. Das war traurig und gleichzeitig sehr schön. Ich konnte dann richtig charmant und kompetent und toll sein, wenn ich mit mir selbst sprach. Und lächelte.

So kam es, dass ich oft ziemlich gute Texte schrieb, auch diesmal, zufälligerweise ohne eine einzige Frage gestellt zu haben. Natürlich sagte ich das niemandem. Heute schäme ich mich dafür, manchmal. Denn ich hätte richtig gut sein können, besser, viel besser, hätte ich mir nur getraut. Und vor allem hätte ich mal zufrieden sein können und stolz auf mich selbst.

Jetzt würde ich gerne sehr viel fragen, aber es ist ja nun zu spät, viel zu spät, und wenn ich bei der Vorstellung des EM-Kaders heule, dann sind bestimmt 80 Prozent der Tränen solche Wehmutstränen und sonst nichts.

[Lieber Jens Lehmann, ich schätze Sie sehr. Früher – vor so ungefähr acht, neun Jahren –, da war ich ein bisschen verliebt in Sie. Aber das tut ja jetzt nichts zur Sache. Geht es Ihnen eigentlich gut? … Ich hätte da mal noch ein paar Fragen, haben Sie einen halben Tag Zeit? … Nein? … Ach, schade …]


23. Juni 2007 0

Schaum

| Abseits

Ich träume von Fußball. Im Traum bin ich Lincoln, kauere auf dem Rasen und weine bitterlich. Trainer Baade gewinnt den Grimme Online Award, weil er sich Blogwerbung und Klüngeltum konsequent verweigert und stattdessen lieber konsequent bloggt, ohne mit der Wimper zu zucken – so wie sich das gehört, wenn man ein Blog hat. Im Traum fallen auch mir Themen ein, über die ich schreiben könnte. Theoretisch. In der Praxis verhält es sich eher wie bei, hm, Klose? (Oh nein, nicht schon wieder Klose, geh mir weg mit dem, weg, weg!) Okay, ich zelebriere mein Scheitern. Draußen regnet’s, ich tu mir leid. Aber wenn ich mir vorstelle, dass viele Fußballprofis in diesen Tagen irgendwo mit Mama Frau und Kind in der Sonne liegen und plötzlich mal ganz viel Zeit haben für Nichtfußballsachen, kann ich kaum glauben, dass es denen so richtig gut geht. Manchen vielleicht schon, aber ich bin sicher, der Großteil freut sich auf den Trainingsauftakt, weil dann wieder jegliche Form von Initiative ein Gerüst hat und sich alles in einem überschaubaren Aktionsrahmen abspielt. Ich bin also gerade ähnlich überfordert wie die meisten Fußballer, bilde ich mir ein, nur ohne Strand. Nächste Saison blogg’ ich bei Istanbul. Mit dreizehn Bodyguards. Auf einmal steht da Bernd Schuster und erzählt mir einen Witz, aber ich ich verstehe ihn kaum, weil ich Lukas Podolskis Mutter Schokoladenkuchen zuwerfe und dann ganz schnell duschen muss, bevor …

[schläft]


21. Mai 2007 0

Von Bruce lernen

| Abseits

Das Weinen der Männer.
(Aus Liebe zum Spiel.)


17. Mai 2007 0

Mannomannschaft der Saison

| Abseits

Aufstellung 07

Sturm: Kevin Kuranyi, Alexander Frei
Mittelfeld: Hasan Salihamidzic, Marc van Bommel, Jurica Vranjes, Lincoln
Abwehr: Christian Wörns, Josip Simunic, Manuel Friedrich, Nico Herzig
Tor: Christoph Metzelder

(mehr …)