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5. März 2012 12

Kein Liebeslied

| Abseits

Ich habe mich schon so oft gefragt, was eigentlich passiert, wenn man da mal zufällig hineingerät. Wenn man das alles direkt mitbekommt, nicht nur vom Hörensagen oder als Bericht im Netz, den man jederzeit lesen kann, mit einer Kaffeetasse in der Hand und warmen Socken an den Füßen. Was passiert eigentlich, wenn man mal mittendrin ist und sich nicht entziehen kann? Was will man dann machen – macht man überhaupt irgendetwas? Und was fühlt man in einem solchen Moment? Überhaupt irgendetwas?

»Treten Sie von der Bahnsteigkante zurück, der Zug fährt ein.« Die Durchsage ist unmissverständlich und ich folge der Anweisung wie alle anderen um mich herum, was gibt es da auch nachzudenken. Ich bin gedanklich ohnehin ganz woanders, Bremen hat 0:1 verloren und nicht besonders gut gespielt, und dann war da noch dieser Hertha-Fan, der einer Dame auf dem Weg zur Bahn den Werder-Schal vom Mantel gezogen hat. Ich ging direkt dahinter und konnte doch nichts tun, außer mich zu empören. Ich drehte mich um, sah den Mann wegrennen, machte die Frau auf den Diebstahl aufmerksam, rief noch laut »Hey!«, doch da war es ja längst zu spät, der Idiot über alle Berge und von hinten drängelten die Menschen. Was für ein Irrsinn. Und wie albern ich mir mit einem Mal vorkam – »Hey!« rufen und böse gucken, was für eine Spitzenidee …

Ich trete also wie befohlen ein paar Schritte zurück vom Bahnsteigrand, und der Zug hat noch nicht ganz gehalten, da schubst schon die Ungeduld von allen Seiten, viel zu viele Leute quetschen sich ins Abteil, laut und rücksichtslos und als gäbe es drinnen Freibier. Alles wie immer also. Ich erwische einen Sitzplatz, umklammere die Tasche auf meinem Schoß und schließe die Augen. Hoffentlich geht es schnell.

Die koordinative Leistung der Menschen ein paar Meter weiter, die es schaffen, gleichzeitig zu hüpfen und rhythmisch gegen die Fensterscheiben zu schlagen, nehme ich ruhig atmend zur Kenntnis und ziehe meinen Schal noch etwas höher. Die Bahn wackelt bedrohlich, aber ich bin ja bald da. Und dann beginnt die Gruppe junger Männer mit dunklen Brillen und kurzen Jacken plötzlich zu singen. Sie stehen direkt neben mir, diese Männer, vor mir, überall um mich herum, und sie singen laut und hässlich. In Dur.

Wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor für Türkiyemspor

Schiedsrichter, Jude, das war Foul!
Und nach dem Spiel, da gibt’s aufs Maul,
wenn’s in die 3. Halbzeit geht,
zu Allah zu beten ist dann zu spät […] *

Ich traue mich nicht aufzustehen, zu reagieren, irgendetwas zu sagen. Ich traue mich nichts. Wie geprügelt fühle ich mich von ihren Worten, ihrem ganzen Auftreten, bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. In diesen viel zu langen Minuten, in denen sie ihre Lieder grölen und die Bahn wankt, als tanze sie dazu, ist alles auf so offensichtliche und beängstigende Weise falsch. Diese Männer: falsch. Diese Parolen: falsch. Diese hämmernden Fäuste: falsch. Diese Enge: falsch. Diese Erstarrtheit: falsch. Ich: falsch.

Als ich die U-Bahn verlasse, die Finger in den Jackentaschen verkrampft, habe ich Tränen in den Augen, und tatsächlich gibt es jetzt nur eines, was ich wirklich will: weinen. Ein bisschen vor Wut – auf die und auf mich selbst und auf die Welt –, ein bisschen vor Hilflosigkeit und ein bisschen auch, um mir selbst zu versichern, dass ich noch da bin. Es gelingt mir nicht.

* Ich möchte nicht den ganzen widerlichen Text zitieren, und auch nicht die weiteren, die diesem hier folgten. Allein die nachträgliche Recherche hat mir Mühe bereitet, obwohl Google einem ja sofort alles vor die Füße spuckt. Oder gerade deshalb. Wer mehr wissen will, kann mal hier oder hier klicken.


23. März 2014 0

Gooool mit vier »o«

| Hoffnungsträger, Spielplan

Als mich Alois vor ein paar Monaten gefragt hat, ob ich sein Fußballbuch über Brasilien lektorieren möchte, wusste ich noch nicht, dass daraus ein so besonderes Projekt werden würde. Unverhofft hat sich »Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft« für mich zur Herzensangelegenheit entwickelt. Futebol ohne Anführungszeichen, Seleção mit Cedille und Tilde, die Basics waren schnell klar. Der Zauber lag im Detail. Im Ohr den Lektoratssoundtrack in Dauerschleife, vor der Nase was mit Limetten, Eis und Zucker, gedanklich im Wechsel irgendwo in São Paulo und bei Gooool mit vier »o«. So hätte das ewig weitergehen können.

»Gooool do Brasil« hat mich begeistert. Jetzt, da das Werk endlich in meinem Bücherregal steht und die Freude darüber irgendwie kein Ende nehmen will, habe ich Alois ein paar Fragen dazu gestellt. (Seinen Vorschlag, das Interview auf Österreichisch zu führen, musste ich bedauerlicherweise ablehnen.)

Jeder Oasch macht heut’ ein Buch. Wann und warum hast du gesagt: »Ich auch!«?
Ende 2008 war mein erster Aufenthalt in Brasilien. Eins führte zum anderen: Die Liebe (zu Futebol), die Lust (auf ein Buchprojekt) und die relativ neue Leidenschaft zur Fotografie. Und: Ich liebe Bücher beziehungsweise Magazine.

Liebe, Lust und Leidenschaft. Nicht die schlechtesten Zutaten für ein gutes Buch. Und hast du dir irgendwann auf halber Strecke mal gedacht: »Ach nö, ich mach’ doch keins«?
Auf viertel Strecke, auf halber Strecke und auf dreiviertel Strecke. Ich leide beim Schreiben, es ist die Hölle. Ich verfluchte es jeden Tag. Aber wenn dann ein Absatz, ein Kapitel und dann das ganze Buch fertig ist, ist das schon sehr toll.

Du bist bei »Gooool do Brasil« gleichzeitig Autor, Fotograf, Gestalter, Verleger, Marketing- und Vertriebschef … hab ich noch was vergessen? Du machst wohl gerne alles alleine.
Die verwendete Schrift im Buch ist allerdings nicht von mir. Gerne alles alleine? Jein. Sagen wir so: Das Projekt war mir einfach zu wichtig, um irgendwelche Kompromisse einzugehen. Abgesehen davon habe ich den Eindruck, dass die Verlagsbranche völlig im Eimer ist, beziehungsweise irre konservativ. Das Ganze mal unabhängig von den bescheidenen finanziellen Konditionen.

Dafür riecht jetzt deine ganze Wohnung nach Fußballbuch! Wäre mit einem Verlag undenkbar gewesen.
Wenn ein Autor nur zehn Stück vom Verlag bekommt, könnte das sehr schwierig werden. Eigentlich riecht nur frisch geschnittenes Gras besser.

Eines meiner Lieblingsbilder aus dem Buch ist dieses hier:

Wie ist es entstanden? Was war das für ein Tag?
Das war 2012 in Recife im Nordosten von Brasilien, beim Spiel Santa Cruz gegen Salgueiro im Estádio do Arruda, regionale Meisterschaft vom Bundesstaat Pernambuco. Muss man nicht kennen. Das Arruda ist eine alte Betonschüssel, ein reudiges Betonungeheuer, Temperatur: 40 °C, vollgepisste Aufgänge, ein echtes Juwel der 1970er-Jahre.

Kann man deine Fotos kaufen?
Ja. Es ist eine Ausstellung in Wien und Graz geplant. Einige Bilder gibt es auch in der Bilderwelt von 11 Freunde, die signierte Variante als limitierte Auflage dann aber nur persönlich.

Gab es einen schönsten Moment, der sich im Buch wiederfindet?
Die schönsten waren glaub ich immer auch die intensivsten: In der Umkleidekabine eines Amateurteams, bei den 500 Schönheitsköniginnen in Manaus, unter der Fahne von Corinthians und das Interview mit Sócrates.

»Aqui tem um Bando de Louco …« singt die »Gruppe von Verrückten« unter der Corinthians-Fahne.
Meiner Meinung nach eins der besten Videos auf Youtube. #Gänsehaut

Wenn du dir eine Begegnung irgendwo in Brasilien aussuchen könntest, bei der du live dabei sein kannst, welche wäre das?
Gilt Vergangenheit auch? Also, beim Spiel Corinthians gegen Boca Juniors, das Rückspiel im Finale der Copa Libertadores, im Juli 2012, da wäre ich schon gern dabei gewesen. Corinthians hat da zum ersten Mal die verdammte Schüssel gewonnen.

»Das beste Team der Welt«, sagen zumindest die Fans. Das gerade ein schickes großes Stadion gebaut bekommt, in dem das WM-Eröffnungsspiel stattfinden wird. Wie findest du das?
Ich bin ja ein großer Fan vom aktuellen Stadion, vom Estádio do Pacaembu. Das ist sicher nicht so schick wie das neu Itaquerão, liegt aber sehr zentral in São Paulo und ist einfach seit Jahrzehnten das »Wohnzimmer« von Corinthians. Aber wir sprechen ja von der »Copa« und hier gelten eigene Gesetze, egal ob in Südafrika oder in Brasilien. Für Romantik und Sentimentalitäten ist da nicht immer Platz.

Hast du einen Lieblingsspieler in der aktuellen Seleção?
Dante von den Bayern ist einfach ein super sympathischer Typ. Dani Alves auch. Wenn man ihn über sein Heimatteam EC Bahia sprechen hört, das ist schon sehr bewegend. Bei Paulinho von Tottenham Hotspur find ich die Karriere beeindruckend: Vor einigen Jahren noch in Litauen, Polen bzw. in den unteren Ligen von Brasilien, ist er mittlerweile ein Fixstarter im Team. Auch noch gut: Thiago Silva. Und natürlich: Ronaldinho, der in meiner aktuellen Seleção auch noch dabei wäre.

… der bei der WM 2002 im Viertelfinale gegen England dieses unglaubliche Freistoßtor geschossen hat. Im Buch schreibst du:

Auf der einen Seite ein benommener und fassungsloser David Seaman, 38 Jahre alt, auf der anderen Seite ein ewiges kleines Kind, mit neunzigminütigem Lächeln im Gesicht. Es war ein Sieg des brasilianischen Spielwitzes über die englische Korrektheit und ein Triumph der südamerikanischen Improvisation über die europäische Rationalität.

Mehr »Golaço« geht eigentlich nicht. Du meinst also, der kann das immer noch?
Klar. In der Sprache eines Trainers gesprochen: »Er kann noch immer den Unterschied ausmachen, jederzeit.« Ich wandle hier ein schönes Zitat von Nelson Rodrigues ab: »Kein Mann käme auf die Idee, die Königin von Saba oder Kleopatra im Bett nach ihrer Geburtsurkunde zu fragen. Was geht es uns an, ob Ronaldinho siebzehn oder dreihundert Jahre alt ist, wenn er das Spiel entscheidet? Wenn der Ball ihn auswählt und bevorzugt.«

Liebe, Lust und Leidenschaft. Vermisst du manchmal den Ronaldo-Fan Bruno und seine Saftbar in Rio?
Dieser Verrückte …

Ist an Wien irgendetwas brasilianisch?
Wien und São Paulo haben viel gemein. Zum Beispiel das U-Bahn-Netz ist exakt gleich lang. Krass, oder?

Mit einer Kundgebung gegen die Erhöhung der Preise in den öffentlichen Verkehrsmitteln von São Paulo gingen letztes Jahr die landesweiten Demonstrationen los. Rechnest du auch bei der Weltmeisterschaft mit Massenprotesten?
Ja. Und ich hoffe, sie bleiben friedvoll und die Polizei bzw. diverse Sondereinsatzkommandos haben aus ihren Fehlern in den Sommermonaten von 2013 gelernt. Die überzogene Polizeigewalt ist leider noch immer traurige Realität in Brasilien.

Über welchen besonderen Brasilien-Moment steht nichts im Buch?
Ich spiele ja selbst mittlerweile sehr bescheiden Futebol. Aber bei einem Spiel – eine noble private Anlage von sehr reichen Bekannten – erzielte ich drei Tore. Und das Besondere daran, das war auf einem Feld, wo bereits Careca und Maradona spielten (und vermutlich auch Tore erzielten). Amoroso war in meinem Team. Ich war selten nervöser …

Du hast neben Amoroso im Sturm gespielt?
Ich würde eher sagen, Amoroso hat neben mir gespielt.

Was kann man von den Brasilianern lernen, mal abgesehen vom Fußballspielen?
Fruchtsäfte aus Ananas und Minze machen. Dem Wort »Saudade« (Sehnsucht) zwei Millionen Bedeutungen geben. Ordentliche Menschenschlangen bilden. Saukaltes Bier trinken. Und: Umarmungen.

Brasilien wird also Weltmeister, ja?
Fix. Und zwar gegen Italien.

Da wird sich dann viel umarmt. Und was, wenn nicht?
Eine tragische Finalniederlage gegen Uruguay oder Argentinien wäre zumindest für ein weiteres Buchprojekt spannender.

Alle Fotos: Copyright © Alois Gstöttner, Club Bellevue

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Alois Gstöttner
»Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft«
176 Seiten, 17×22 cm, 86 Abbildungen
ISBN: 978-3-200-03492-1
24 Euro

Infos und Direktbestellung
Facebook-Seite von »Gooool do Brasil«
Buch bei Amazon bestellen


13. Januar 2013 0

Fortuna Fracksausen

| Abseits

Es ist das Sichverlieben, nicht das Verliebtsein, das ich so liebe.

An jedem Rastplatz gehalten, Kaffee geholt und nachgedacht in den letzten Wochen, mehr als sonst, über mich, mein Leben, das Schöne, Wahre, Richtige. Die richtigen Männer, die richtigen Jobs, die richtigen Freunde, die richtigen Orte, die richtigen Vereine, Projekte … Ein bisschen darüber geredet, ein bisschen darüber gelacht, ein bisschen getrunken, ein bisschen geknutscht – und dabei in einigen besonders schönen Momenten tatsächlich richtig bei mir gewesen.

Zwischendurch: richtig müde.

Weitergefahren. Überlegt, einen Fußball-Jahresrückblick zu schreiben, dann doch lieber beim Sport angemeldet. Das tolle Bild gerahmt und aufgehängt. Wundervollen Menschen begegnet. Heimlich – während ich mich übers Vorsätze-Fassen lustig gemacht habe – ein paar ziemlich schöne Vorsätze gefasst, einige davon gleich in der ersten Woche des Jahres in die Tat umgesetzt. Erstens: weniger Bier, mehr Schnaps. Zweitens: endlich mal diesen Arzttermin machen. Drittens, viertens, fünftens: Bewegung, innen/außen. Wenn möglich, Tanz. Sechstens: mir immer wieder in Erinnerung rufen, mich nicht mehr auf so mühselige Weise mit den Befindlichkeiten Ängsten anderer zu beschäftigen; oder besser: erkennen, dass es ihre sind, nicht meine. Siebtens: vertrauen, loslassen, nichts festhalten wollen, nur mich und den Moment. Achtens: heyheyhey, es gibt wieder Fußball, und Tulpen. Es ist alles da.

Never mind the darkness, baby …


4. September 2012 1

Das Derby Union Berlin – Hertha BSC 1:2

| Ballkontakt

Die Vorfreude. Die Aggression. Die Polizei. Die Sonne. Das Gastfarbenverbot. Das Bier. Der Nazi. Die Blicke. Der Kuss. Der Gesang. Der Jubel. Der versteckte Jubel. Der Freistoß. Das Glück. Die Geräuschkulisse. Das Befremden. Die Stille. Die Sehnsucht. Die Vorfreude.





19. August 2012 1

Follow

| Abseits

Zum ersten Mal bin ich stolze Besitzerin einer Dauerkarte – TeBe natürlich. Zwar besteht diese »Dauerkarte« aus einem dicken Stapel papierener Einzeltickets, aber das ändert wenig am Gefühl – was zählt, ist dieser große Moment, in dem du zu der Dame im Kassenhäuschen sagst: »Ich hätte gerne eine Dauerkarte, bitte.« Bääääääm. Dauer-Karte. Ich mag es, wenn etwas dauert. Und irgendwie gefällt mir auch dieser gewichtige Kartenstapel in meiner Tasche. Dazu passt: mein neuer Lieblingsfangesang.

I, I follow, I follow you, love you TeBe, I follow you …

Ich war sehr gespannt auf den Saisonbeginn, denn ich fragte mich ernsthaft, ob meine Lust wohl zurückkehren würde. Das erschien mir alles andere als selbstverständlich. Es hatte sich mal wieder was verändert, ist ja alles ständig in Veränderung befindlich, immer in Bewegung, und irgendwo muss man nun mal stehen bleiben und sich festhalten, doch meine Position war mir während dieser gesamten langen Pause merkwürdig unklar geblieben. Lasst mich in Ruhe mit Fußball, nein, ich will kein Testspiel gucken, nein, ich weiß nicht, wie der neue Kader aussieht, nein, ich habe auch keine Ahnung, wer aufgestiegen ist. Das fand ich nicht schlimm, aber schon ein bisschen eigenartig.

Und dann ist er da, der Saisonauftakt, und ich mache mich auf den Weg ins Stadion, bin in minütlichem Wechsel hibbelig und zenmäßig tiefenentspannt, ungefähr wie vor der neuerlichen Verabredung mit einem aufregenden Mann, mit dem mich vor längerer Zeit mal eine kurze Geschichte verband und den ich seitdem nicht mehr wiedergesehen habe. Ich erinnere mich zwar an Zustände und Gefühle, aber die sind nicht mehr richtig greifbar. Was also, wenn die Faszination mit einem Mal weg ist und man beginnt, sich über das Wetter zu unterhalten? Oder über die Hertha.

Und während ich auf den Stufen sitze und die Aufwärmrituale beobachte, ist es plötzlich da: dieses Knistern. Die Hibbeligkeit, die Ungewissheit und das Desinteresse der letzten Wochen haben sich in ein Geräusch verwandelt. Ein Sommergeräusch. Alles um mich herum knistert leise mit, da ist nichts, was man einander fragen müsste, höchstens, ob es was Neues im Fanshop gibt.

Ja, verdammt noch mal, I follow you.
Und du riechst immer noch so gut wie neulich.


19. Mai 2012 2

Eine schöne Geschichte

| Spielplan

»Man muss schon ein bisschen bekloppt sein, um so was zu machen«, sagt T. kopfschüttelnd, ich nicke. Oder es sehr lieben. Und da Liebe und Beklopptsein ja für gewöhnlich deckungsgleich sind, wundert mich nichts. Schon gar nicht bei TeBe.

T.s anerkennendes Kopfschütteln gilt Jan. Fast zwei Stunden haben wir im »Casino« gesessen und ihm zugehört.* Das »Casino« ist diese mit lauter sportlichen Devotionalien dekorierte Kneipe Zeitmaschine im Mommsenstadion, in der nahezu alles aus Holz oder Bier oder aprikosenfarben ist. Jan ist Historiker. Und TeBe-Fan, seit wann? »Seit dem Relegationshinspiel 1998 um den Aufstieg in die zweite Bundesliga gegen Hannover 96.« Okay, die Frage war zugegebenermaßen nur so halbschwer, aber ich vermute, Jan hätte auch, weckte man ihn nachts um halb drei, die Schuhgröße von Sepp Herberger, das Torverhältnis der Veilchen in der Saison 1927/28 und das Geburtsdatum von Albert Eschenlohr parat. Bei den Vorbereitungen zur Festschrift anlässlich des 100. Geburtstags von Tennis Borussia Berlin vor zehn Jahren war ihm aufgefallen, dass bedauerlicherweise nur wenige Fotos aus der Gründungszeit des Vereins existierten. Also begann er zu recherchieren, zu suchen, zu sammeln. Und er begann zu schreiben. Das Ergebnis stellte er in dieser Woche im Mommsenstadion vor: TeBe-Geschichten.

Wer jetzt denkt: Gut, da ist so ein Typ, der hat sonst nichts zu tun und mal lauter Statistiken von irgendwann damals zusammengetragen … wie nett, dass das mal jemand macht … so … noch ’n Bier, bitte – wer das denkt, ist doof. Und irrt. Jan Buschbom hat nicht nur Zeit und Geld investiert, um Zahlen und Bilder zu sammeln, sondern war auch neugierig auf die dazugehörigen Geschichten. Um sie mit anderen teilen zu können und nicht wieder zu vergessen, schrieb er sie auf, eingebettet in den historischen Kontext, die sportliche und politische Stimmung im Verein und darüber hinaus.

Gemeinsam mit Daniel Sterl, der für das Layout und die technische Umsetzung verantwortlich ist, entwickelte er vor etwa zweieinhalb Jahren ein Konzept für diese außergewöhnliche Online-Vereinschronik und schrieb erste kleine Texte, gespickt mit Zitaten aus alten Dokumenten. Seine Quellen waren vor allem die Vereinszeitungen – damals war es übrigens noch Aufgabe des Trainers, kurze Spielberichte zu verfassen –, doch er durchstöberte auch die Archive von kicker, Fußball-Woche, der Vossischen Zeitung oder dem Berliner Tageblatt. Mit Unterstützung von TeBe-Vorstand Roland Weißbarth, der die Rubrik Gegner mit Informationen bestückte, entstand eine einzigartige Sammlung von Anekdoten und Fundstücken, eine wertvolle Erinnerungsbibliothek, die mithilfe der engagierten Fan- und Verliebtenszene des Vereins weiter wachsen soll. Denn bisher werden vor allem Geschichten aus den ersten 30, 40 Jahren nach der Gründung der Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft im Jahre 1902 erzählt.

Nach meiner Rückkehr aus dem »Casino« beginne ich zu lesen und kann gar nicht mehr aufhören. Mir gefällt diese Sprache, diese beiden Sprachen – die von damals und die von Jan –, die auf mich wie Geschwister wirken, die sich gut kennen und einander sehr mögen.

Wie sich die Muskeln straffen! Hier ist Fußball ganz zum Kampf geworden. Die beiden Berliner Internationalen Sobek und Brunke im harten Ringen um den Ball. Meisterhaft die Fußtechnik der beiden!

Um sich selbst und zugleich dem Verein ein kleines Geschenk zu machen, kann man übrigens einen Teil der alten Bilder käuflich erwerben, als Poster, als Kunstdrucke, als Postkarten. Das finde ich ganz wunderbar, auch wenn es bedeutet, dass ich mich entscheiden muss, und das fällt mir angesichts der Auswahl schwer. Am liebsten hätte ich alle. … Ja, man muss bekloppt sein. Nicht nur ein bisschen.

Fotos: Copyright © Archiv Buschbom

* Ihm und Christian, Autor des Buches Rasen der Leidenschaften, der uns im Rahmen des Geschichtsabends Fotos von den ehemaligen Spielstätten der Tennis-Borussen gezeigt hat. Und dass Christian hier nur klein und grau auftaucht, sagt natürlich nichts über die Qualität seines großartigen Buches aus.


16. April 2012 0

Grüntöne

| Spielplan

Everyone knows Ireland don’t have the most gifted of squads at the championships but no team will match them for passion, dedication and the will to win. This album is dedicated to their efforts.

Sing Up For The Boys In Green – elf teils fantastische Songs für und über die irische Fußballnationalmannschaft, gespielt von elf Bands, gesammelt vom Label Indiecater Records. Sofort bin ich ein bisschen verliebtFan … verliebt, and all the world is green, und sofort wünsche ich mir so etwas Schönes auch für die deutsche Elf (GHVC, bitte übernehmen Sie), und im nächsten Moment spüre ich, dass es besser wäre, dieser Wunsch bliebe Wunsch und grün hinter den Ohren for ever.


26. Februar 2012 0

Auswärts Berliner SC – Tennis Borussia Berlin 2:0

| Ballkontakt

»Ich fühle mich gerade komisch, ein bisschen wie im Urlaub«, sage ich, als wir später im Bushäuschen sitzen und auf die Linie M29 warten und die Sonne uns wärmt wie noch nie in diesem Jahr. So ein Urlaub an einem Ort, den ich für maximal einen oder zwei Tage ertrage, weil für mich dort kaum etwas wirklich greifbar ist – es ist grün und beschaulich, die Leute im Schnitt etwas älter, gut gekleidete Damen mit Hund auf dem Arm, und an den Laternen klebt nichts außer schwerem Parfüm. Auf den ersten Blick ist nichts grundlegend falsch an einem solchen Schönwetterort, alles ist ganz hübsch, aber leider atmet es nicht.

Wir atmen. Zerknittert. Sitzen da und warten auf den Bus und sagen nichts mehr, weil es nichts mehr zu sagen gibt. Ein furchtbares Spiel war das. Zwei Gegentore, ein eigenes Tor, das nicht gegeben wurde, ein eigener Elfmeter, der kurz vor der Ausführung in einen Freistoß für den Gegner umgewandelt wurde. Ein schlechter Schiedsrichter, Kunstrasen, Pech. Gelb-Rot, Rumgepöbel, Matsch. Keine Bratwurst. Was soll man da schon sagen, das war alles Mist.

Am Vormittag hatten wir uns voller Vorfreude auf den Weg gemacht, mit Sonnenbrille statt Mütze. Endlich mal wieder ein Spiel, das nicht den widrigen Witterungsbedingungen zum Opfer fallen, sondern stattfinden sollte, und dazu ein blauer Himmel, was für ein Glück. Ich liebe diese Anreisen zum Spiel, das Gleich-geht-es-los-Gefühl, die Gleich-sind-wir-da-Zappeligkeit. Und wenn man unterwegs schon anderen begegnet, für die gleich ebenfalls etwas losgehen wird. Die aus allen möglichen Richtungen kommen, in Grüppchen oder allein. Und wenn sich dann vor Ort alles findet, begrüßt, oft stumm, weil man sich gar nicht kennt, aber umeinander weiß. Parole lila. Wenn man den anderen ansieht, dass auch ihre Nacht kurz war, wegen dieser außergewöhnlich frühen Anstoßzeit und natürlich wegen gestern. Dieses Ankommen ist mein 1:0, jedes Mal.

Als der Bus ankommt, wird mir klar, was mich neben der blöden Niederlage besonders bedrückt an diesem Kurztrip an die Hubertusallee. Es sind die vielen Verbotshinweise. Fahrradfahren verboten. Hunde an die Leine. Platz gesperrt. Treppe zum Platz gesperrt. Maschendrahtzaun. Lärm verboten. Tröten raus. Bitte leise freuen. Oder am besten gar nicht. Ich freue mich auf Mittwoch, da ist Heimspiel. Wir werden summen singen und trinken und Wurst essen, vielleicht werden wir auch jubeln, losjetzthier, und das Flutlicht wird uns wärmen wie ein Lagerfeuer.


16. Januar 2012 1

Friede, Freude, Marmorkuchen

| Hoffnungsträger

Anpfiff. So ging er los, der Fankongress 2012. Das Motto: »Dialog statt Monolog!«

 
»Endlich Bier!«, ruft einer durchs Foyer, es ist Samstag, 15:30 Uhr, und es gibt Marmorkuchen. Dazu Wasser. Kaffeepause beim Fankongress 2012, Schlangestehen am Kuchenbüfett. Arminia Bielefeld hat bereits direkten Zugriff auf die reichhaltig bestückten Gebäckplatten, dicht gefolgt vom 1. FC Köln, Borussia Dortmund und Dynamo Dresden. Es herrscht Einigkeit: Lecker, dieser Kuchen. Cool, dieser Kongress. Grandios, dieses Fansein.

Zur gleichen Zeit irgendwo im Netz: Die zweitägige Veranstaltung im Berliner Kosmos ist kaum richtig ins Rollen gekommen, da wird schon – wie im Fußball so üblich – nach Ergebnissen gefragt. Was es denn nun gebracht habe, das Zusammentreffen von gut 500 Fußballfans aus mehr als 60 Vereinen, vorwiegend erste und zweite Liga. Welche Lösungen man abseits des Marmorkuchens herausgearbeitet habe. Ob es denn endlich Resultate gebe … Ja, die gibt es. Sogar eine ganze Menge.

Einer der wichtigsten Erfolge des Kongresses ist zweifellos, dass er überhaupt stattgefunden hat. Professionell organisiert von ProFans, ohne Unterstützung der Verbände (ein finanzielles Angebot der DFL lehnte man ab), dafür mit einwandfreiem Catering und vielen interessanten Gästen. Die Stimmung war freundlich, offen und sachlich, Rivalitäten machten sich maximal in Form von skeptischen Blicken oder unterschiedlichen Wegen zum Klo bemerkbar.

Um für den Erhalt der Fankultur zu kämpfen, ist es wichtig zu erkennen, dass diese Fankultur trotz selbstverständlicher individueller Besonderheiten in den Vereinen ein gemeinsamer Schatz ist, auf den es zusammen aufzupassen gilt. Konkurrenz ist schön und gut, aber bei großen Themen wie Pyrotechnik, Preispolitik und 50+1-Regel bringen überstürzte Alleingänge wenig. Sie schrecken die Gesprächspartner eher ab, als dass sie als ernsthafte Kommunikationsgrundlage angesehen werden. Deshalb der Kongress. Deshalb Dialog.

Natürlich kann man sich darüber ärgern, dass DFB und DFL »lediglich« Fan- und Sicherheitsbeauftragte geschickt haben, anstatt sich – beispielsweise durch die Herren Zwanziger und Rauball – prominenter aufzustellen. Natürlich ist es schade, dass die ZIS einen Tag vor Veranstaltungsbeginn die Absage ihres Vertreters Ingo Rautenberg verkündet hat. Und natürlich ist es legitim, sich darüber aufzuregen, dass »die Polizei« dem Kongress also fernblieb, am Samstagabend aber nach Veranstaltungsschluss vier Mannschaftswagen vor dem Kosmos hielten, deren Insassen sich laut Veranstalter »mal ein wenig umschauen wollten«. (Den Marmorkuchen haben sie nicht angerührt.) All das ist bedauerlich und sollte nicht unter den Tisch fallen, viel bedeutender aber ist, dem etwas entgegenzusetzen, und dafür war der Fankongress weit mehr als ein wichtiges Signal. Sachlichkeit, Kommunikationsbereitschaft, Hartnäckigkeit – das sind einige der Hauptargumente, mit denen die deutschen Fußballfans die »Stakeholder«, wie sie vor Ort oft genannt wurden, beeindrucken und überzeugen können.

Zu den eindrucksvollsten Programmpunkten des Fankongresses zählten das Gespräch mit dem Briten Michael Brunskill (Football Supporters’ Federation), der von den Verhältnissen in England erzählte, und der anschließende Bericht von Blogger und Italien-Experte Kai Tippmann. Sie machten deutlich, was passieren kann, wenn Fangruppen den Dialog verweigern und sich hinter ihrem Lokalpatriotismus verbarrikadieren (Campanilismo), und wie der konkrete Alltag eines britischen Fußballfans aussieht, der sich die Eintrittskarte fürs Stadion nicht mehr leisten kann. Etwa 1.200 Euro koste die günstigste Dauerkarte bei Arsenal, »in der Premier League geht es nur noch ums Geld«, so Brunskill. In England spiele sich Fankultur aus diesem Grund inzwischen vorwiegend in den Pubs ab, in Italien gibt es laut Tippmann zum Teil dort, wo noch vor ein paar Jahren Tausende zusammen gesungen haben, heute nur noch lobenswert engagierte Kleingruppen – »manchmal nicht mehr als zehn, zwölf Leute« –, die beispielsweise ein Transparent gegen die Tessera del Tifoso in die Höhe halten.

Sicher, die meisten haben schon davon gehört, dass es in England ziemlich teuer ist, ein Fußballspiel live im Stadion zu verfolgen, und die meisten blicken wohl auch mit einer Mischung aus Faszination und Betroffenheit auf die italienische Ultràbewegung in den 80ern oder 90ern. Doch es berührt eben ungleich stärker, wenn man zwischen Anhängern ganz verschiedener, zum Teil verfeindeter Vereine in einem violett gepolsterten Kinosaal sitzt und jemandem zuhört, der anschaulich aus erster Hand berichtet und ganz nebenbei darauf hinweist, dass viele Fußballfans im europäischen Ausland neidisch auf die deutschen seien, weil die es hier so gut hätten mit all ihren Mitbestimmungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen, von denen Italiener oder Engländer träumen. Fankongresse wie der in Berlin wären dort undenkbar. Es waren sehr unterschiedliche Szenarien, die beide Vortragenden schilderten, und doch handelte es sich um dieselbe Botschaft: Freut euch, macht was, setzt euch ein, möglichst gewaltfrei, aber vehement. Und das ist ein weiterer Effekt des Fankongresses: nicht nur theoretisch um eine Möglichkeit der Einflussnahme zu wissen, sondern wirklich zu spüren, dass es wichtig ist, die eigene Verantwortung wahrzunehmen. Ein Gefühl für den Gesamtkontext zu bekommen und dadurch Missstände, aber auch Wünsche klarer definieren und formulieren zu können.

Vielleicht ist es das, was der DFL-Fanbeauftragte Thomas Schneider eigentlich meinte, als er bei der großen Podiumsdiskussion am Samstagabend in unangemessen vorwurfsvollem Ton von mangelnder Selbstreflexion sprach. Selbstreflexion im Sinne von: die eigenen Möglichkeiten erkennen, sich selbst und sein Tun kritisch betrachten und realistisch einschätzen. Und aus dieser Einschätzung heraus den Mut haben, sich zu beteiligen – individuell, im eigenen Verein oder auch vereinsübergreifend. Protest, ja, unbedingt. Aber eben auch: Beteiligung. Das geht gewiss nicht, wenn man einer Wand aus Uniformierten gegenübersteht, aber bei so einem Fankongress, und darüber hinaus, geht das sehr gut. Schenkt man den Worten von Schneider und seinem DFB-Kollegen Gerald von Gorrissen (ebenfalls Fanbeauftragter) Glauben, dann greift die ausgestreckte Hand der Fußballfans keineswegs ins Leere, weil Gesprächsbereitschaft bei DFB und DFL durchaus in hohem Maße vorhanden sei. Ob das wirklich so ist, darf gerade in Bezug auf das Thema Pyrotechnik angezweifelt werden – die Sache mit der Selbstreflexion gilt jedenfalls für alle involvierten Parteien, und die Fans haben mit ihrem Kongress in Berlin erst mal ordentlich vorgelegt.

Die Journalistin Nicole Selmer befand bei der Abschlussveranstaltung, die Mitwirkung der Teilnehmer(innen) sei ihrer Ansicht nach zu gering gewesen. Man hätte noch viel konstruktiver diskutieren können, wenn sich die Fans während der Vorträge aktiver eingebracht hätten. Das ist zwar richtig, aber zum einen fehlten auf den Podien mitunter Vertreter von Gegenpositionen, zum anderen ist diese Dimension des Mitmachenkönnens vielen jüngeren Fans überhaupt nicht vertraut. Wenn diese Fans das Gefühl aus Berlin mitnehmen, dass sie Einfluss haben, gehört werden und mit ihrem Anliegen nicht alleine sind, und wenn sie davon ausgehend ihren eigenen Weg finden, sich für das einzusetzen, was sie am Fußball besonders lieben, dann ist dies mit Sicherheit das wertvollste und ermutigendste Ergebnis des Wochenendes.

[Einige lobenswerte Initiativen und Interessenvertretungen, die in Berlin dabei waren: Aktion Libero, Amnesty International (Polizei), BiBeriS, Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF), Erhalt der Fankultur, Fananwälte, Fanrechtefonds, FARE, Football Supporters Europe (FSE), Fußballfans gegen Homophobie, Kein Zwanni, Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), ProFans, Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren, Soccer Sound (LSVD), Unsere Kurve.]


4. Januar 2012 1

Lancelot

| Abseits

Ohne Naldo wird Werder untergehen. So ungefähr wie in der Hinrunde.
(Und ohne Pizarro bestenfalls zweite Liga spielen. So wie neulich, ihr erinnert euch doch?)

Die Wahrheit: Ronaldo Aparecido Rodrigues ist mein Lieblingsbremer, er macht mir gute Laune wie sonst kaum einer. (Direkt gefolgt von: Pizarro.) Aparecido, jedes Mal muss ich grinsen, wenn die Fußball-App diesen Namen anzeigt und dazu dieses lachende Gesicht. Und dann dieser Anlauf. Und dann diese Grätschen. Ich steh ja auf Grätschen, ach was, auf Grätscher steh ich! Und eine Zahnspange hatte ich früher auch mal. Und Wiese im Nacken. Aparecido, ach, tapferer, furchtloser.

Manchmal wünsche ich mir ein letztes betrunkenes Festmahl mit all jenen, die ich so sehr mag, Ritter der Tafelrunde, sehne mich nach der unmöglichen Begegnung in völlig absurdem Kontext, weil sich dadurch der Kloß in der Kehle lösen würde, und der stumme Groll – und das Vermissen, das würde sich für ein paar Momente verkleiden, und bliebe doch: ein nacktes Gefühl, so zittrig wie Fernweh. Aparecido. Aparecido, ach.

Die Wahrheit: Alles ist wie immer, alles ist wahr, und nichts, und alles ist gut.
Ein bisschen traurig, aber gut. So wie Micoud.


31. Dezember 2011 4

Elf

| Rückpass

Fotos: Copyright © Stefanie Barthold

Habe lange nicht mehr so viel Fußball gesehen wie in diesem Jahr, lange nicht mehr so viel über Fußball nachgedacht, lange nicht mehr so viel beim Fußball gelacht.

Ganz besonders berührt hat mich die »Aktion Libero«, dieser wochenlange emotionale Ausnahmezustand, das gemeinsame Planen, Fiebern, Wünschen und Wollen, die Aufregung und die Dankbarkeit. Tolle Menschen, die ich durch dieses Projekt ein bisschen kennenlernen durfte. Habe so etwas zum ersten Mal erlebt und bin immer noch sehr beeindruckt. Liebe Aktion-Libero-Leute, ihr seid wunderbar.

Und sowieso: diese vielen ersten Male.

Zum ersten Mal ein Werder-Spiel im Weserstadion gesehen, endlich! (Ach, Bremen, du bist leider viel zu weit weg, und das unverschämterweise seit Jahren schon.)
Zum ersten Mal zu Union in die Alte Försterei gewandert.
Zum ersten Mal an einem Bundesliga-Tippspiel teilgenommen.
Zum ersten Mal unrund getwittert.

Zum ersten Mal über den Kauf einer Dauerkarte nachgedacht.
Zum ersten Mal fast geheult inmitten singender Fanmenschen.
Zum ersten Mal geheult inmitten singender Fanmenschen.

Und sowieso: dieser neue Lieblingsverein, der mir in den letzten Monaten so den Kopf verdreht hat. Der mich tatsächlich dazu gebracht hat, neulich nach dem Spiel die ganze Mannschaft abzuklatschen (huch). Lieder mitzusingen, obwohl ich den Text gar nicht kenne. Allein zum Auswärtsspiel zu fahren, quer durch Berlin, mit dreimal umsteigen, halbgefrorenvollzufrieden. Der Verein mit den charmantesten Fans, die mir je begegnet sind. Der Verein, der dafür gesorgt hat, dass ich seit Jahren mal wieder Hallenfußball gesehen habe – und mich daran erinnert, wie sehr ich in das Geräusch quietschender Sohlen auf Turnhallenboden verliebt bin. Der Verein, bei dem ich mich … irgendwie … sauwohl fühle, selbst in der Phase des schüchternen Herantastens, in der ich mich befinde. Ja, so einfach ist das nämlich mit dem Fansein: Das ist dieses warme Gefühl, das du beim Betreten des Stadions hast, und beim bloßen Gedanken ans Dortsein, beim Gedanken an all die anderen Menschen, die gern dort sind, beim Gedanken an den Moment, in dem die Mannschaft aufs Feld läuft.

Ich freue mich so sehr darauf, dass all das weitergeht, morgen schon, bin gespannt und wie fast immer ein bisschen zappelig, besonders jetzt gerade, nach dem zweiten dritten Sekt und mit feuchten Augen (äh, vom Zwiebelnschneiden fürs Raclette).

Tschüss, Zweitausendelf, du famoses Jahr.
Prost, Zweitausendzwölf. Mach es dir gemütlich, ich hol dir ’n Glas. Oder willste ’nen Becher?

[Konfetti: Aktion Libero, Fußballfans gegen Homophobie, Der Lila Kanal, Werder Bremen, No Dice Magazine, freitagsspiel.]


27. November 2011 1

Halbe-halbe Hertha BSC – Bayer 04 Leverkusen 3:3

| Ballkontakt


Die Bratwurst war ganz okay, die Stimmung so lala, die Punkte teilte man sich. Die Ränge waren eher so halbvoll, die verfluchte Laufbahn viel zu breit, und das Wetter? Das ging so.

Ballack hatte einen mittelprächtigen Tag, wie die meisten seiner Mannschaftskollegen. Erst schlummerten sie, dann rannten sie, und am Ende: na ja. Bei den Berlinern war es ähnlich: Erst rannten sie, dann rannten sie hinterher, dann blieben sie weg – »dit is ma alles viel zu pomadig«, befand der Herr hinter mir. Recht hatte er, während des gesamten Spiels hatte er recht, überzeugte mit treffenden Analysen und einer charmanten Beobachtungsgabe. Sich und seinem Banknachbarn hatte er eine wärmende Decke mitgebracht, so für über die Beine, halbe-halbe. Korrekt. Er wies die fünf Engländer in seiner Reihe mehrfach freundlich darauf hin, dass man doch zum Fußballkieken ins Stadion gehe, nicht zum regelmäßigen Bierholen und -wegbringen. Wärmedecke weg, aufgestanden, Engländer vorbeigelassen, wieder hingesetzt, Wärmedecke zurechtgezupft, bestimmt zehn Mal ging das so, und dennoch blieb er besonnen. Sehr korrekt. In der zweiten Hälfte entdeckte er auf dem Platz die Herren Kobiashvili (»Komische Frisur hat der, den erkennt man ja gar nicht.«) und Bender (»Ach, da isser ja. Spielt ja doch mit.«). Total korrekt. Und dann, bei einem dezenten Check von Lell gegen Ballack an der Seitenlinie, da ließ er sich gar zu einem amüsierten »Uiiiiii …« hinreißen, das dem guten Fritz von Thurn und Taxis zur Ehre gereichte. Sechs »i«, noch zwei Bier. Ko-rrekt.

So trug der Herr hinter mir zu einem nicht unwesentlichen Teil zu meiner Unterhaltung bei, denn das Spiel wollte mich nicht so recht in Stimmung versetzen. Dass mir dennoch warm ums Herz wurde, dafür sorgten neben ein paar Glühwein, meiner roten Lieblingsmütze und ’ner geteilten Brezel aber auch die freundlich zwinkernde Toilettendame, die riesengroße Fahne inmitten des Bayer-Fanblocks, die hübsche Choreo drüben in der Ostkurve, ein guter Schiedsrichter (auch wenn er den Elfmeter für Leverkusen nicht gab), ein wahnsinniger Eren Derdiyok (der von hinten und sehr, sehr weit weg aussieht wie Ballack) und … ach ja … Ballack. Irgendwann finde ich ganz gewiss heraus, was da eigentlich vor sich geht. Bis dahin bleibe ich – tja – unentschieden.


16. November 2011 3

Ein Kuss auf Reisen

| Hoffnungsträger

Christian und Sebastian sind Fußballfans, ihr Verein: Tennis Borussia Berlin, die Lila-Weißen, sechste Liga, Kummer gewohnt. Wenn gegnerische Fans »Lila-Weiß ist schwul« skandieren, stimmen sie mit ein, aus dem Schmähgesang wird ein Fangesang, man lacht. »Bei TeBe ist Homophobie schon ewig Thema«, sagt Sebastian. Er erzählt von der Auswärtsfahrt nach Cottbus, zu Zweitligazeiten, der legendären »Fummelfahrt« mit buntem Crossdressing und irritierten Gastgeberfans. »Für die Cottbuser, die ja nicht unbedingt als Speerspitze der Aufklärung gelten, war das schon ein interessantes Erlebnis.« Und für die TeBe-Fanszene ein ganz besonderes, denn einer von ihnen hatte damals sein Coming-out.

Sebastian (33) ist seit ein paar Jahren TeBe-Fan. Als Mainzer mit 05er-Herz kam er nach Berlin, hat nach einem Verein gesucht und TeBe gefunden, Lila-Weiß statt Rot-Weiß, Eichkamp statt Bruchweg. Bei seiner Stadionpremiere gab es direkt mal eine 1:7-Niederlage, »und das hat einfach so viel Spaß gemacht, dass ich geblieben bin. Die Kurve ist selbstironisch, entspannt und achtet auch aufs Spiel, statt nur nervigen Dauersupport zu machen. Und sie ist divers. Das gefällt mir.«

Christian (28) fand Fußball lange Zeit unsympathisch. »Das war mir viel zu prollig und mit diesem Ultrading konnte ich mich auch nie anfreunden – ich hab Football gespielt.« Durch ein Praktikum bei TeBe ist er dann aber in der Fanszene hängen geblieben, liebt die dortige Kultur, und die Subkultur. »Mittlerweile würde mir ohne TeBe eine Menge fehlen, weil es eben nicht nur um Fußball geht. Wir machen viele schöne Aktionen, wie für den Schokoladen oder jetzt eben die Sache mit dem Banner.«

Und die Sache mit dem Banner ist die: Die beiden singen nicht nur jedes Wochenende im TeBe-Kurvenchor und engagieren sich bei We Save TeBe, sondern haben darüber hinaus als Teil der Vereinsabteilung Aktive Fans die Initiative Fußballfans gegen Homophobie ins Leben gerufen.

Christian: Die Grundidee war, ein Banner für eine Aktion anlässlich der FARE Week im Oktober zu malen. Bis dahin eine kleine Route durch ein paar Stadien befreundeter Vereine, fertig. Kam dann aber anders … Mittlerweile tourt das Banner durch ganz Deutschland, Liga eins bis sechs, sogar in Luxemburg und der Schweiz hing es schon in der Kurve. Wir sind selbst total überrascht von diesem Echo. Inzwischen kommen die Fangruppen auf uns zu und fragen, ob sie das Banner auch mal haben können, und wir organisieren das dann. Jede einzelne Station ist ein Gewinn, den Schlusspunkt setzt in diesem Jahr Schalke. Danach muss man mal sehen … Ich fänd’s ja großartig, wenn in der Rückrunde zu den aktuell 23 Stationen noch zehn hinzukämen und die dann irgendwann mal alle zeitgleich eine Choreo oder eine rosa Kurve machen würden.

Das Banner ist lila und hübsch und fällt in jedem Stadion sofort auf. Zwei Männer. Ein Kuss. Ein Regenbogen. Das Besondere ist, dass die Botschaft von Fans kommt und von anderen Fans weitergetragen wird. Solidarität statt Rivalität. Die meisten Vereine, die mitmachen, präsentieren das Banner nicht bloß, sondern denken sich noch eine individuelle Aktion dazu aus – Choreos, Seifenblasen oder gleich eine ganze Themenwoche. Keine Kurve wird abgelehnt, jeder kann mitmachen. Ein sympathisches Modell, das dafür sorgt, dass auch die Vereine genauer hinschauen.

Sebastian: Ich glaube, dass die Fans wirklich eine Art Vorbildrolle einnehmen können für die Vereine. Da passiert gerade einfach was, es gibt unheimlich viele Diskussionen zum Thema Homophobie, es entwickelt sich ein Bewusstsein. Und ich habe den Eindruck, dass wir uns im Moment in einem Prozess befinden, der vielleicht zu einem Klima beiträgt, das es irgendwann egal werden lässt, ob ein Fußballer schwul ist oder nicht.

Von einer solchen Gelassenheit ist der deutsche Fußball aktuell noch weit entfernt, doch Aktionen wie die von TeBe tragen zu einer bewussteren Auseinandersetzung mit dem Thema Homophobie bei. Was Vereine und Verbände machen können? Vor allem klar sein, Haltung zeigen, und Vernunft. Einen Antidiskriminierungsparagrafen in die Satzung aufnehmen und vorleben, eigene Spieler und Trainer informieren, sensibilisieren, motivieren. Das Thema ernst nehmen, und die Menschen.

Christian: Da ist so viel Unbedachtheit, da sind so viele Vorurteile und Gedankenspiele. Die ganze Thematik wird oft runtergebrochen auf die Sexualität. Dabei geht es ja darum, sein Leben so zu gestalten, wie man es möchte, mit dem Menschen unterwegs zu sein, mit dem man zusammensein möchte, auch mal Händchen zu halten oder ein Eis essen zu gehen. (lacht) Ich will gar nicht wissen, was passiert, wenn Arne Friedrich und Philipp Lahm mal zusammen im Eiscafé gesehen werden …

[Mit Christian und Sebastian habe ich mich gemeinsam mit der freien Journalistin Nicole Walter unterhalten. Ihren Bericht gibt’s in ihrem Blog bierstattblumen.]


8. November 2011 5

Lilaweiß TeBe Berlin – VfB Hermsdorf 5:3

| Ballkontakt

»Ein Punkt liegt im Bereich des Möglichen«, wirft D. trocken ein, als Dejagah in der Nachspielzeit das furiose 5:3 erzielt, von oben links fliegt Bier, der E-Block hüpft und ich bin mal wieder dabei, mich hoffnungslos zu verlieben. In den charmanten Bierbudenmann, in diese schönen Menschen, in das kleine Mädchen im Schnöselshirt, mit den lila Bändern im Haar, das unvermittelt und aus vollem Herzen »St. Paaauliii!« brüllt, als handele es sich dabei um einen Zauberspruch von Prinzessin Lillifee.

Später widerstehe ich der Versuchung, den Fanshop leerzukaufen, hey, immer mit der Ruhe, bist ja noch öfter hier, auf dem Heimweg futtern wir kichernd eine Tüte Schnecken leer, mein Herz klopft im Takt.





24. Oktober 2011 0

Fremdes

| Abseits

Es gibt sie, diese Leute. Die sich das Spiel eines Clubs ansehen, den sie hassen, nur um anderen Leuten, die diesen Club lieben, fortwährend zu sagen, wie sehr sie ihn hassen. Muss das schön sein. Den Club hassen sie und auch die, die ihn lieben, ist ja klar. Abgrundtief. Seit ich mich wieder intensiver mit Fußball beschäftige, laufe ich ihnen wieder häufiger über den Weg, diesen Leuten, und nicht nur im Netz, wo Hass schnell getippt ist. Ihre Haltung ist mir schon immer völlig fremd gewesen, ich werde sie vermutlich niemals verstehen, diese Leute, ich alte Wurstkuh*.

* Um mal eines dieser besonders schlimmen Worte zu sagen, die sie auch immer sagen, diese Leute. Zu testen, wie es sich anfühlt.