4. Januar 2012 1

Lancelot

| Abseits

Ohne Naldo wird Werder untergehen. So ungefähr wie in der Hinrunde.
(Und ohne Pizarro bestenfalls zweite Liga spielen. So wie neulich, ihr erinnert euch doch?)

Die Wahrheit: Ronaldo Aparecido Rodrigues ist mein Lieblingsbremer, er macht mir gute Laune wie sonst kaum einer. (Direkt gefolgt von: Pizarro.) Aparecido, jedes Mal muss ich grinsen, wenn die Fußball-App diesen Namen anzeigt und dazu dieses lachende Gesicht. Und dann dieser Anlauf. Und dann diese Grätschen. Ich steh ja auf Grätschen, ach was, auf Grätscher steh ich! Und eine Zahnspange hatte ich früher auch mal. Und Wiese im Nacken. Aparecido, ach, tapferer, furchtloser.

Manchmal wünsche ich mir ein letztes betrunkenes Festmahl mit all jenen, die ich so sehr mag, Ritter der Tafelrunde, sehne mich nach der unmöglichen Begegnung in völlig absurdem Kontext, weil sich dadurch der Kloß in der Kehle lösen würde, und der stumme Groll – und das Vermissen, das würde sich für ein paar Momente verkleiden, und bliebe doch: ein nacktes Gefühl, so zittrig wie Fernweh. Aparecido. Aparecido, ach.

Die Wahrheit: Alles ist wie immer, alles ist wahr, und nichts, und alles ist gut.
Ein bisschen traurig, aber gut. So wie Micoud.



31. Dezember 2011 4

Elf

| Rückpass

Fotos: Copyright © Stefanie Barthold

Habe lange nicht mehr so viel Fußball gesehen wie in diesem Jahr, lange nicht mehr so viel über Fußball nachgedacht, lange nicht mehr so viel beim Fußball gelacht.

Ganz besonders berührt hat mich die »Aktion Libero«, dieser wochenlange emotionale Ausnahmezustand, das gemeinsame Planen, Fiebern, Wünschen und Wollen, die Aufregung und die Dankbarkeit. Tolle Menschen, die ich durch dieses Projekt ein bisschen kennenlernen durfte. Habe so etwas zum ersten Mal erlebt und bin immer noch sehr beeindruckt. Liebe Aktion-Libero-Leute, ihr seid wunderbar.

Und sowieso: diese vielen ersten Male.

Zum ersten Mal ein Werder-Spiel im Weserstadion gesehen, endlich! (Ach, Bremen, du bist leider viel zu weit weg, und das unverschämterweise seit Jahren schon.)
Zum ersten Mal zu Union in die Alte Försterei gewandert.
Zum ersten Mal an einem Bundesliga-Tippspiel teilgenommen.
Zum ersten Mal unrund getwittert.

Zum ersten Mal über den Kauf einer Dauerkarte nachgedacht.
Zum ersten Mal fast geheult inmitten singender Fanmenschen.
Zum ersten Mal geheult inmitten singender Fanmenschen.

Und sowieso: dieser neue Lieblingsverein, der mir in den letzten Monaten so den Kopf verdreht hat. Der mich tatsächlich dazu gebracht hat, neulich nach dem Spiel die ganze Mannschaft abzuklatschen (huch). Lieder mitzusingen, obwohl ich den Text gar nicht kenne. Allein zum Auswärtsspiel zu fahren, quer durch Berlin, mit dreimal umsteigen, halbgefrorenvollzufrieden. Der Verein mit den charmantesten Fans, die mir je begegnet sind. Der Verein, der dafür gesorgt hat, dass ich seit Jahren mal wieder Hallenfußball gesehen habe – und mich daran erinnert, wie sehr ich in das Geräusch quietschender Sohlen auf Turnhallenboden verliebt bin. Der Verein, bei dem ich mich … irgendwie … sauwohl fühle, selbst in der Phase des schüchternen Herantastens, in der ich mich befinde. Ja, so einfach ist das nämlich mit dem Fansein: Das ist dieses warme Gefühl, das du beim Betreten des Stadions hast, und beim bloßen Gedanken ans Dortsein, beim Gedanken an all die anderen Menschen, die gern dort sind, beim Gedanken an den Moment, in dem die Mannschaft aufs Feld läuft.

Ich freue mich so sehr darauf, dass all das weitergeht, morgen schon, bin gespannt und wie fast immer ein bisschen zappelig, besonders jetzt gerade, nach dem zweiten dritten Sekt und mit feuchten Augen (äh, vom Zwiebelnschneiden fürs Raclette).

Tschüss, Zweitausendelf, du famoses Jahr.
Prost, Zweitausendzwölf. Mach es dir gemütlich, ich hol dir ’n Glas. Oder willste ’nen Becher?

[Konfetti: Aktion Libero, Fußballfans gegen Homophobie, Der Lila Kanal, Werder Bremen, No Dice Magazine, freitagsspiel.]



13. Dezember 2011 2

No Dice

| Spielplan

We have always believed that football is a perfect way to understand and get inside a city and its people. This is as much the case in Berlin as anywhere else. Berlin – with its unique history of togetherness and division, of war and peace, of immigrants and locals – tells so many stories through its football.

Das No Dice Magazine ist neu, toll und unterstützenswert. »Berlin football. In words, photos and illustrations.« Dass es so etwas überhaupt gibt – ein hochwertiges englischsprachiges Magazin, das sich quer durch alle Ligen mit dem Berliner Fußball beschäftigt – und dass es dann auch noch mit so viel Herz und Humor (und natürlich Fußballsachverstand) umgesetzt wird, das begeistert mich sehr.

Seit dem Sommer hat das No-Dice-Team an der ersten Ausgabe gearbeitet, jetzt steht sie als PDF-Download (für sagenhafte 50 Cent oder gern auch mehr) bereit. Die gedruckte Auflage ist auf 100 Exemplare limitiert. Aber – yeah! – schon im Februar kommt die zweite Ausgabe. Ich bin jetzt schon süchtig.

Drei Doppelseiten aus dem ersten Heft. Copyright © No Dice Magazine

[Guckt mal: No Dice bei Facebook und Twitter.]



11. Dezember 2011 0

| Anstoß

OH AH CANTONA !

[via freitagsspiel]



2. Dezember 2011 0

| Anstoß

Like all good fans however, they will tell themselves no luck was involved, that their team simply played as they should. And that as fans they were there to witness it as they should.



27. November 2011 1

Halbe-halbe Hertha BSC – Bayer 04 Leverkusen 3:3

| Ballkontakt


Die Bratwurst war ganz okay, die Stimmung so lala, die Punkte teilte man sich. Die Ränge waren eher so halbvoll, die verfluchte Laufbahn viel zu breit, und das Wetter? Das ging so.

Ballack hatte einen mittelprächtigen Tag, wie die meisten seiner Mannschaftskollegen. Erst schlummerten sie, dann rannten sie, und am Ende: na ja. Bei den Berlinern war es ähnlich: Erst rannten sie, dann rannten sie hinterher, dann blieben sie weg – »dit is ma alles viel zu pomadig«, befand der Herr hinter mir. Recht hatte er, während des gesamten Spiels hatte er recht, überzeugte mit treffenden Analysen und einer charmanten Beobachtungsgabe. Sich und seinem Banknachbarn hatte er eine wärmende Decke mitgebracht, so für über die Beine, halbe-halbe. Korrekt. Er wies die fünf Engländer in seiner Reihe mehrfach freundlich darauf hin, dass man doch zum Fußballkieken ins Stadion gehe, nicht zum regelmäßigen Bierholen und -wegbringen. Wärmedecke weg, aufgestanden, Engländer vorbeigelassen, wieder hingesetzt, Wärmedecke zurechtgezupft, bestimmt zehn Mal ging das so, und dennoch blieb er besonnen. Sehr korrekt. In der zweiten Hälfte entdeckte er auf dem Platz die Herren Kobiashvili (»Komische Frisur hat der, den erkennt man ja gar nicht.«) und Bender (»Ach, da isser ja. Spielt ja doch mit.«). Total korrekt. Und dann, bei einem dezenten Check von Lell gegen Ballack an der Seitenlinie, da ließ er sich gar zu einem amüsierten »Uiiiiii …« hinreißen, das dem guten Fritz von Thurn und Taxis zur Ehre gereichte. Sechs »i«, noch zwei Bier. Ko-rrekt.

So trug der Herr hinter mir zu einem nicht unwesentlichen Teil zu meiner Unterhaltung bei, denn das Spiel wollte mich nicht so recht in Stimmung versetzen. Dass mir dennoch warm ums Herz wurde, dafür sorgten neben ein paar Glühwein, meiner roten Lieblingsmütze und ’ner geteilten Brezel aber auch die freundlich zwinkernde Toilettendame, die riesengroße Fahne inmitten des Bayer-Fanblocks, die hübsche Choreo drüben in der Ostkurve, ein guter Schiedsrichter (auch wenn er den Elfmeter für Leverkusen nicht gab), ein wahnsinniger Eren Derdiyok (der von hinten und sehr, sehr weit weg aussieht wie Ballack) und … ach ja … Ballack. Irgendwann finde ich ganz gewiss heraus, was da eigentlich vor sich geht. Bis dahin bleibe ich – tja – unentschieden.



16. November 2011 0

Aktion Libero

| Hoffnungsträger

Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul  ist, oder rund, oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport, und unsere Haltung ist eindeutig: Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.



16. November 2011 3

Ein Kuss auf Reisen

| Hoffnungsträger

Christian und Sebastian sind Fußballfans, ihr Verein: Tennis Borussia Berlin, die Lila-Weißen, sechste Liga, Kummer gewohnt. Wenn gegnerische Fans »Lila-Weiß ist schwul« skandieren, stimmen sie mit ein, aus dem Schmähgesang wird ein Fangesang, man lacht. »Bei TeBe ist Homophobie schon ewig Thema«, sagt Sebastian. Er erzählt von der Auswärtsfahrt nach Cottbus, zu Zweitligazeiten, der legendären »Fummelfahrt« mit buntem Crossdressing und irritierten Gastgeberfans. »Für die Cottbuser, die ja nicht unbedingt als Speerspitze der Aufklärung gelten, war das schon ein interessantes Erlebnis.« Und für die TeBe-Fanszene ein ganz besonderes, denn einer von ihnen hatte damals sein Coming-out.

Sebastian (33) ist seit ein paar Jahren TeBe-Fan. Als Mainzer mit 05er-Herz kam er nach Berlin, hat nach einem Verein gesucht und TeBe gefunden, Lila-Weiß statt Rot-Weiß, Eichkamp statt Bruchweg. Bei seiner Stadionpremiere gab es direkt mal eine 1:7-Niederlage, »und das hat einfach so viel Spaß gemacht, dass ich geblieben bin. Die Kurve ist selbstironisch, entspannt und achtet auch aufs Spiel, statt nur nervigen Dauersupport zu machen. Und sie ist divers. Das gefällt mir.«

Christian (28) fand Fußball lange Zeit unsympathisch. »Das war mir viel zu prollig und mit diesem Ultrading konnte ich mich auch nie anfreunden – ich hab Football gespielt.« Durch ein Praktikum bei TeBe ist er dann aber in der Fanszene hängen geblieben, liebt die dortige Kultur, und die Subkultur. »Mittlerweile würde mir ohne TeBe eine Menge fehlen, weil es eben nicht nur um Fußball geht. Wir machen viele schöne Aktionen, wie für den Schokoladen oder jetzt eben die Sache mit dem Banner.«

Und die Sache mit dem Banner ist die: Die beiden singen nicht nur jedes Wochenende im TeBe-Kurvenchor und engagieren sich bei We Save TeBe, sondern haben darüber hinaus als Teil der Vereinsabteilung Aktive Fans die Initiative Fußballfans gegen Homophobie ins Leben gerufen.

Christian: Die Grundidee war, ein Banner für eine Aktion anlässlich der FARE Week im Oktober zu malen. Bis dahin eine kleine Route durch ein paar Stadien befreundeter Vereine, fertig. Kam dann aber anders … Mittlerweile tourt das Banner durch ganz Deutschland, Liga eins bis sechs, sogar in Luxemburg und der Schweiz hing es schon in der Kurve. Wir sind selbst total überrascht von diesem Echo. Inzwischen kommen die Fangruppen auf uns zu und fragen, ob sie das Banner auch mal haben können, und wir organisieren das dann. Jede einzelne Station ist ein Gewinn, den Schlusspunkt setzt in diesem Jahr Schalke. Danach muss man mal sehen … Ich fänd’s ja großartig, wenn in der Rückrunde zu den aktuell 23 Stationen noch zehn hinzukämen und die dann irgendwann mal alle zeitgleich eine Choreo oder eine rosa Kurve machen würden.

Das Banner ist lila und hübsch und fällt in jedem Stadion sofort auf. Zwei Männer. Ein Kuss. Ein Regenbogen. Das Besondere ist, dass die Botschaft von Fans kommt und von anderen Fans weitergetragen wird. Solidarität statt Rivalität. Die meisten Vereine, die mitmachen, präsentieren das Banner nicht bloß, sondern denken sich noch eine individuelle Aktion dazu aus – Choreos, Seifenblasen oder gleich eine ganze Themenwoche. Keine Kurve wird abgelehnt, jeder kann mitmachen. Ein sympathisches Modell, das dafür sorgt, dass auch die Vereine genauer hinschauen.

Sebastian: Ich glaube, dass die Fans wirklich eine Art Vorbildrolle einnehmen können für die Vereine. Da passiert gerade einfach was, es gibt unheimlich viele Diskussionen zum Thema Homophobie, es entwickelt sich ein Bewusstsein. Und ich habe den Eindruck, dass wir uns im Moment in einem Prozess befinden, der vielleicht zu einem Klima beiträgt, das es irgendwann egal werden lässt, ob ein Fußballer schwul ist oder nicht.

Von einer solchen Gelassenheit ist der deutsche Fußball aktuell noch weit entfernt, doch Aktionen wie die von TeBe tragen zu einer bewussteren Auseinandersetzung mit dem Thema Homophobie bei. Was Vereine und Verbände machen können? Vor allem klar sein, Haltung zeigen, und Vernunft. Einen Antidiskriminierungsparagrafen in die Satzung aufnehmen und vorleben, eigene Spieler und Trainer informieren, sensibilisieren, motivieren. Das Thema ernst nehmen, und die Menschen.

Christian: Da ist so viel Unbedachtheit, da sind so viele Vorurteile und Gedankenspiele. Die ganze Thematik wird oft runtergebrochen auf die Sexualität. Dabei geht es ja darum, sein Leben so zu gestalten, wie man es möchte, mit dem Menschen unterwegs zu sein, mit dem man zusammensein möchte, auch mal Händchen zu halten oder ein Eis essen zu gehen. (lacht) Ich will gar nicht wissen, was passiert, wenn Arne Friedrich und Philipp Lahm mal zusammen im Eiscafé gesehen werden …

[Mit Christian und Sebastian habe ich mich gemeinsam mit der freien Journalistin Nicole Walter unterhalten. Ihren Bericht gibt’s in ihrem Blog bierstattblumen.]



12. November 2011 0

Die Schönheit der Chance

| Spielplan

Ich wache mitten in der Nacht auf und will einer Tatort-Kommissarin schreiben.
Ich sitze in der Bahn, rufe meine Mails ab und springe auf. Yeah!
Ich twittere im Traum.
Ich möchte fremden Menschen um den Hals fallen, weil … ja, weil … die Sonne scheint!

Fast täglich erzähle ich Freund(inn)en und Kolleg(inn)en mit zappeliger Stimme, was es Neues gibt – sie wissen Bescheid, fragen: »Und? Was macht die Aktion?«, und hören zu und lächeln und nicken, und später fragen sie: »Arbeitest du jetzt eigentlich an diesem Buch? … Oder arbeitest du an der Aktion?«, und dann lächele ich und nicke. »Beides.«

Die Aktion und ich. Ich und die Aktion. Sie macht mich glücklich, und dankbar. Jeden Tag freue ich mich über so viele kleine Dinge, über Menschen, die mitdenken und mitfühlen und Großes leisten. Und manchmal ärgere ich mich, weil ich doch gar nicht so viel Zeit und Kraft habe für all das, was ich mir wünsche, was ich der Aktion wünsche, doch der Ärger währt nie lange – ich schlafe grübelnd ein und wache ausgeruht auf und bin besänftigt und voller Tatendrang.

Die Aktion ist eine Chance. Eine wunderschöne.
Am 16. November geht’s los – endlich! Für alle. Ich kann es kaum erwarten.



8. November 2011 5

Lilaweiß TeBe Berlin – VfB Hermsdorf 5:3

| Ballkontakt

»Ein Punkt liegt im Bereich des Möglichen«, wirft D. trocken ein, als Dejagah in der Nachspielzeit das furiose 5:3 erzielt, von oben links fliegt Bier, der E-Block hüpft und ich bin mal wieder dabei, mich hoffnungslos zu verlieben. In den charmanten Bierbudenmann, in diese schönen Menschen, in das kleine Mädchen im Schnöselshirt, mit den lila Bändern im Haar, das unvermittelt und aus vollem Herzen »St. Paaauliii!« brüllt, als handele es sich dabei um einen Zauberspruch von Prinzessin Lillifee.

Später widerstehe ich der Versuchung, den Fanshop leerzukaufen, hey, immer mit der Ruhe, bist ja noch öfter hier, auf dem Heimweg futtern wir kichernd eine Tüte Schnecken leer, mein Herz klopft im Takt.






30. Oktober 2011 0

| Anstoß

… der den schönsten und wahrhaftigsten Glaubenssatz des Fußballs, was rede ich, des Lebens ganz lässig formuliert hat: „Ich spiele mein Spiel, alles andere ist doch Scheiße!“



24. Oktober 2011 0

Fremdes

| Abseits

Es gibt sie, diese Leute. Die sich das Spiel eines Clubs ansehen, den sie hassen, nur um anderen Leuten, die diesen Club lieben, fortwährend zu sagen, wie sehr sie ihn hassen. Muss das schön sein. Den Club hassen sie und auch die, die ihn lieben, ist ja klar. Abgrundtief. Seit ich mich wieder intensiver mit Fußball beschäftige, laufe ich ihnen wieder häufiger über den Weg, diesen Leuten, und nicht nur im Netz, wo Hass schnell getippt ist. Ihre Haltung ist mir schon immer völlig fremd gewesen, ich werde sie vermutlich niemals verstehen, diese Leute, ich alte Wurstkuh*.

* Um mal eines dieser besonders schlimmen Worte zu sagen, die sie auch immer sagen, diese Leute. Zu testen, wie es sich anfühlt.



14. Oktober 2011 0

| Anstoß

Eines Tages habe ich sein Trikot genommen und es kurzerhand verbrannt.



6. Oktober 2011 0

Oh boy!

| Hoffnungsträger


So viel wissen, so viel wagen. Es vergehen Minuten, Stunden, und es ist immer noch Zeit für eine Auswechslung, eine taktische Finesse, ein Experiment in der Abwehr. In aller Ruhe. »Gleich, gleich, ich komme gleich.«

Ich stelle mir vor, was all diese Informationen anstellen in so einem kleinen Kopf. Wo sie sich sammeln, wie sie sich formieren, um Datenbank zu werden, plastisch und erinnerbar auf ewig. Minikicker. Ob sie sich nach Verein aufstellen (bestimmt nicht) oder nach Glanz und Glitzer (schon eher) oder ganz brav nach Position … Und was das Wissen um Angriffswerte und Ratings auslöst, wenn es ernst wird beim eigenen Spiel, samstags auf dem Platz, wenn die Mamis zugucken – ob dann so ein Kind manchmal darüber nachdenkt, ob es selbst eher Hattrick-Held ist oder Matchwinner? Und ob es sich fragt, warum der Trainer die Mannschaft nicht auch mal mit fünf Stürmern auflaufen lässt? Denn das geht doch mit den Karten auch: Da kommen Gomez, Ramos, Pizarro, Götze und Raúl super miteinander klar, und hinten braucht es lediglich einen wie Neuer, etwas Glück und noch ’ne Fanta. So viel wünschen, so viel wagen, nie soll das aufhören.

»Heute gewinnen wir 31:0«, lacht er und ich lache zurück. Ich zweifle nicht eine Sekunde.



3. Oktober 2011 10

Jein Hamburger SV – Schalke 04 1:2

| Ballkontakt

Er müsse uns an dieser Stelle höflich darum bitten, das Stadion unverzüglich zu verlassen, sagt der Ordner in Orange in ruhigem, aber bestimmtem Ton. 74. Spielminute, soeben ist das 1:2 gefallen. Äh, wie? Der meint das nicht ernst, oder? Der meint doch nicht uns? Huntelaar meint er vielleicht, aber uns? Uns kann er nicht meinen.

Doch, doch, er meine uns und er meine es ernst, das sei alles andere als lustig und es reiche auch nicht aus, sich jetzt schnell was drüberzuziehen übers königsblaue Trikot, denn denen seien wir nun bekannt, da helfe auch kein Pullover. Wie bitte? Mir wird mulmig. Wie meint der das denn? Der kann uns doch nicht einfach rauswerfen. Und wem sollten wir denn hier bekannt sein?

Im Interesse unserer eigenen Gesundheit, bekräftigt der Orangefarbige und lässt sich auch von den Solidaritätsbekundungen unserer hanseatisch gekleideten Sitznachbarn nicht von dieser Ansicht abbringen. Es sei jetzt durchaus gefährlich für uns und notfalls möglich, in einen anderen Block zu wechseln, Gegengerade ganz oben, da seien noch Plätze frei. »Hm, wenn wir da angekommen sind, ist das Spiel vorbei«, räumt einer ein, aber das überzeugt den Orangefarbigen nicht.

Wir sind zu fünft: drei freundliche Lotto-King-Karl-Mitsummer/-innen, zwei ebenso freundliche, tja, Gästetrikotträger (ein Mann, ein kleiner Junge). Die Karten waren uns am Ticketschalter auf Nachfrage als geeignet empfohlen worden – »kein Problem, in diesem Block geht es entspannt zu« –, nun sitzen wir brav auf unseren Plätzen, es ist schön warm und wir freuen uns über unseren lange im Vorfeld geplanten gemeinsamen Fußballabend, Ergebnis Nebensache. Aber nein, so einfach ist das nicht, wie der Orangefarbige uns erklärt. Wir hätten hier eigentlich gar nicht auftauchen dürfen, das sei wohl an verschiedenen Stellen übersehen worden, aber nun sei es an der Zeit, darauf hinzuweisen. Rausschmeißen könne er uns nicht, denn wir hätten ja nun mal Karten. Wenn wir uns aber wenigstens nicht freuen würden, wäre schon ein Anfang gemacht.

Der wiederholten dringenden Empfehlung des Orangefarbigen, in seiner Begleitung das Feld zu räumen, kamen wir nicht nach. Stattdessen wurden wir stiller und stiller, die Objekte des Anstoßes verschwanden unter farbneutralen Jacken, ein paar Reihen weiter dasselbe Bild: kurze Ansprache in Orange, sichtbare Irritation, Trikotversteckaktion, Schweigen. Wir fühlten uns unerwünscht, wie blinde Passagiere, die man im Bauch eines Kreuzfahrtschiffs entdeckt, gnädigerweise aber nicht direkt über Bord befördert, sondern noch bis zum nächsten Hafen mitnimmt. Ahoi. Nein, wir waren nicht sauer auf den Orangefarbigen, erst recht nicht auf den Verein, so ein Quatsch, aber verdutzt waren wir und mit einem Mal merkwürdig ernst. Erst die ausgestreckte Hand eines lächelnden Rautenträgers unterbrach unsere Irritation. »Hey, Kleiner, Glückwunsch zum Sieg.« Home, sweet home.