17. Juni 2012 14

Schland unter

| Abseits

Es gibt Worte, die ich besonders gerne benutze. Konfetti, ach, verliebt, yeah. Es gibt Sachen, die ich besonders gerne esse. Bratwurst, Clafoutis. Es gibt Fußballer, denen ich bei dieser Europameisterschaft besonders gerne zusehe. Boateng, ?ech, Mellberg (seufz). Es gibt Dinge, die für mich in Verbindung mit Fußball im Mittelpunkt stehen. Respekt, Emotion, Fairplay. Und es gibt so Sachen, die sind mir völlig schnuppe. Das mit den Fähnchen zum Beispiel.

Ich traue mich ja kaum, es zu sagen, aber mich interessiert die aktuell zur Schau getragene Schwarzrotgoldigkeit vieler deutscher Fußballfans nicht die Bohne. Sollen sie sich doch in Fahnen hüllen, sich kreischend und mit bemalten Wangen zuprosten, ihre Autos bis zum Gehtnichtmehr beflaggen, aus Schland-Kaffeebechern trinken – wenn es ihnen Spaß macht, bitte schön, ich habe nichts dagegen. Für mich ist das nichts, ich mache da nicht mit – und möchte für meine Haltung ebensowenig scheiße gefunden werden –, ich gehe auf keine Fanmeile und brauche auch keinen Fußballstrand. Aber dass es mich aufregt, wenn das jemand anders handhabt, kann ich wirklich nicht behaupten. Ich rege mich über ganz andere Sachen auf: über Intoleranz, Aggressivität und Häme zum Beispiel, mit und ohne Fähnchen. Und über all die Regelnaufsteller, die hinter jedem Wimpel eine niederträchtige Botschaft wittern. Die in einem bemerkenswerten Entrüstungsreflex »Partynationalismus« diagnostizieren, sobald ihnen so ein Flaggenmensch begegnet. Die Fähnchen abknicken, Zettel mit oberlehrerhaften Botschaften an Autodächern hinterlassen und damit weit übers Ziel hinausschießen. Die Männern sagen, dass sie sich zu rasieren haben, um kein falsches Signal zu setzen. Die auf »Eventfans« schimpfen und sich für die besseren, die wahren Fans halten, nur weil sie sich auch abseits von Großveranstaltungen für Fußball interessieren – wie arrogant ist das denn bitte? Die sich – als hätten sie zwei Jahre nur darauf gewartet – voller Inbrunst bei jeder TV-Übertragung über Kommentatoren- und Moderatorenleistungen und in Kameras winkende Fans auslassen, sich dabei auch noch unterhaltsam finden und dem geneigten Zuschauer damit weit mehr auf den Keks gehen als die Gescholtenen selbst. Mir zumindest. Ich finde das alles in kaum mehr erträglichem Maße überheblich und in der Summe anstrengender als das taumelnde Karnevalsvolk.

Mag sein, dass ich da ein entscheidendes Detail übersehen habe, aber für mich fühlt sich Deutschland in diesen Tagen an wie eine einzige Richtigmacherdoku: auf der einen Seite die, die einfach alles, was da ist, in die Pfanne schmeißen, mit viel Ketchup druff, jippie – auf der anderen Seite jene, die all den »Ahnungslosen« in bester Fernsehkochmanier mit erhobenem Kochlöffel demonstrieren, wie Bratkartoffeln wirklich gehen. Nee, echt, kein Interesse, ich hab schon gegessen – und jetzt möchte ich gerne Fußball gucken.



30. Mai 2012 0

Days, nights

| Spielplan

Über das Innenleben eines Sportlers herrscht heutzutage eine klare Vorstellung: Gefühle soll man gefälligst ablegen. Gefühle sind ein störendes Moment beim Fußball. Dadurch wird man aber daran gehindert, sich vollständig zu entwickeln. Um sich entwickeln zu können, muss man Dinge austesten und auch Fehler machen dürfen, man sollte sich auflehnen können und es wagen, etwas infrage zu stellen; man muss weinen dürfen, damit man sich freuen kann, all das ist ein natürlicher und selbstverständlicher Teil des Erwachsenwerdens.

Als Jugendlicher galt Martin Bengtsson als eines der größten schwedischen Fußballtalente. Mit 18 schnitt er sich die Pulsadern auf. Mit 19 begann er ein Buch zu schreiben. Heute ist er 26, lebt als Künstler in Berlin, macht Musik und beschäftigt sich kaum noch mit Fußball.

Das Magazin 11 Freunde widmet sich Martin Bengtsson und seiner nun auch in der deutschen Übersetzung vorliegenden Geschichte »Freistoß ins Leben« in einer Videodoku und einem sehr lesenswerten Text: »Das Leben des Anderen«.



19. Mai 2012 2

Eine schöne Geschichte

| Spielplan

»Man muss schon ein bisschen bekloppt sein, um so was zu machen«, sagt T. kopfschüttelnd, ich nicke. Oder es sehr lieben. Und da Liebe und Beklopptsein ja für gewöhnlich deckungsgleich sind, wundert mich nichts. Schon gar nicht bei TeBe.

T.s anerkennendes Kopfschütteln gilt Jan. Fast zwei Stunden haben wir im »Casino« gesessen und ihm zugehört.* Das »Casino« ist diese mit lauter sportlichen Devotionalien dekorierte Kneipe Zeitmaschine im Mommsenstadion, in der nahezu alles aus Holz oder Bier oder aprikosenfarben ist. Jan ist Historiker. Und TeBe-Fan, seit wann? »Seit dem Relegationshinspiel 1998 um den Aufstieg in die zweite Bundesliga gegen Hannover 96.« Okay, die Frage war zugegebenermaßen nur so halbschwer, aber ich vermute, Jan hätte auch, weckte man ihn nachts um halb drei, die Schuhgröße von Sepp Herberger, das Torverhältnis der Veilchen in der Saison 1927/28 und das Geburtsdatum von Albert Eschenlohr parat. Bei den Vorbereitungen zur Festschrift anlässlich des 100. Geburtstags von Tennis Borussia Berlin vor zehn Jahren war ihm aufgefallen, dass bedauerlicherweise nur wenige Fotos aus der Gründungszeit des Vereins existierten. Also begann er zu recherchieren, zu suchen, zu sammeln. Und er begann zu schreiben. Das Ergebnis stellte er in dieser Woche im Mommsenstadion vor: TeBe-Geschichten.

Wer jetzt denkt: Gut, da ist so ein Typ, der hat sonst nichts zu tun und mal lauter Statistiken von irgendwann damals zusammengetragen … wie nett, dass das mal jemand macht … so … noch ’n Bier, bitte – wer das denkt, ist doof. Und irrt. Jan Buschbom hat nicht nur Zeit und Geld investiert, um Zahlen und Bilder zu sammeln, sondern war auch neugierig auf die dazugehörigen Geschichten. Um sie mit anderen teilen zu können und nicht wieder zu vergessen, schrieb er sie auf, eingebettet in den historischen Kontext, die sportliche und politische Stimmung im Verein und darüber hinaus.

Gemeinsam mit Daniel Sterl, der für das Layout und die technische Umsetzung verantwortlich ist, entwickelte er vor etwa zweieinhalb Jahren ein Konzept für diese außergewöhnliche Online-Vereinschronik und schrieb erste kleine Texte, gespickt mit Zitaten aus alten Dokumenten. Seine Quellen waren vor allem die Vereinszeitungen – damals war es übrigens noch Aufgabe des Trainers, kurze Spielberichte zu verfassen –, doch er durchstöberte auch die Archive von kicker, Fußball-Woche, der Vossischen Zeitung oder dem Berliner Tageblatt. Mit Unterstützung von TeBe-Vorstand Roland Weißbarth, der die Rubrik Gegner mit Informationen bestückte, entstand eine einzigartige Sammlung von Anekdoten und Fundstücken, eine wertvolle Erinnerungsbibliothek, die mithilfe der engagierten Fan- und Verliebtenszene des Vereins weiter wachsen soll. Denn bisher werden vor allem Geschichten aus den ersten 30, 40 Jahren nach der Gründung der Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft im Jahre 1902 erzählt.

Nach meiner Rückkehr aus dem »Casino« beginne ich zu lesen und kann gar nicht mehr aufhören. Mir gefällt diese Sprache, diese beiden Sprachen – die von damals und die von Jan –, die auf mich wie Geschwister wirken, die sich gut kennen und einander sehr mögen.

Wie sich die Muskeln straffen! Hier ist Fußball ganz zum Kampf geworden. Die beiden Berliner Internationalen Sobek und Brunke im harten Ringen um den Ball. Meisterhaft die Fußtechnik der beiden!

Um sich selbst und zugleich dem Verein ein kleines Geschenk zu machen, kann man übrigens einen Teil der alten Bilder käuflich erwerben, als Poster, als Kunstdrucke, als Postkarten. Das finde ich ganz wunderbar, auch wenn es bedeutet, dass ich mich entscheiden muss, und das fällt mir angesichts der Auswahl schwer. Am liebsten hätte ich alle. … Ja, man muss bekloppt sein. Nicht nur ein bisschen.

Fotos: Copyright © Archiv Buschbom

* Ihm und Christian, Autor des Buches Rasen der Leidenschaften, der uns im Rahmen des Geschichtsabends Fotos von den ehemaligen Spielstätten der Tennis-Borussen gezeigt hat. Und dass Christian hier nur klein und grau auftaucht, sagt natürlich nichts über die Qualität seines großartigen Buches aus.



5. Mai 2012 2

All you need is love

| Abseits

… fußballtypisches Verhalten: Schals, Mützen, Trikots,
lauter Gesang, rüpelhaftes Verhalten.

Fotos: Copyright © Stefanie Barthold



16. April 2012 0

Grüntöne

| Spielplan

Everyone knows Ireland don’t have the most gifted of squads at the championships but no team will match them for passion, dedication and the will to win. This album is dedicated to their efforts.

Sing Up For The Boys In Green – elf teils fantastische Songs für und über die irische Fußballnationalmannschaft, gespielt von elf Bands, gesammelt vom Label Indiecater Records. Sofort bin ich ein bisschen verliebtFan … verliebt, and all the world is green, und sofort wünsche ich mir so etwas Schönes auch für die deutsche Elf (GHVC, bitte übernehmen Sie), und im nächsten Moment spüre ich, dass es besser wäre, dieser Wunsch bliebe Wunsch und grün hinter den Ohren for ever.



15. April 2012 0

| Hoffnungsträger



10. März 2012 3

Lust, los Lichtenberg 47 – Tennis Borussia Berlin 0:0

| Abseits

Ich wache auf, schaue aus dem Fenster, es ist grau, es regnet, ich habe schlechte Laune und keine Lust auf Fußball. Füttere die Katze, trinke den ersten Kaffee, immer noch keine Lust auf Fußball. Höre das schöne Lied, dreidreiunddreißig, gehe mal duschen, ziehe irgendwas Lilafarbenes an – woah, keine Lust auf Fußball heute. Über-haupt-kei-ne-Lust. Ächz, Kaffee Nummer zwei. Vielleicht sollte ich mich einfach wieder hinlegen, zur Katze, mit diesem besänftigenden Gesang im Ohr, oh, schönes, faules Wochenende … Moment mal. In etwas mehr als einer Stunde spielt TeBe, ich kann zu Fuß zum Spiel gehen, es hat zu regnen aufgehört und ich hocke hier halbangezogen im Jammertal? Auf gar keinen Fall.

In schöner Regelmäßigkeit fragen mich Freunde oder Bekannte, ob ich denn etwa schon wieder beim Fußball war, mit diesem leicht belustigten Gesichtsausdruck, den ich schon so lange so gut kenne. Wenn sie dann, meist ohne meine Antwort abzuwarten, zum nächsten Thema übergehen und mir in aller Ausführlichkeit von ihren Shoppingsamstagen erzählen, ihren Kuchenbacksamstagen, Trödelmarktsamstagen, Fitnessstudiosamstagen, Kindergeburtstagssamstagen, Lass-mich-in-Ruh-Samstagen und Ich-geh-mal-ins-Büro-Samstagen, dann frage ich mich, was zur Hölle an meinen Samstagen so amüsant ist. Und weshalb sie sich offenbar nicht die Spur dafür interessieren, warum ich eigentlich so gerne zum Fußball gehe. Ich würde es ihnen gerne erzählen und sogar ein paar meiner Rezepte verraten … na gut, alle. Aber sie fragen nicht, nie. Sie denken sich nur was zurecht. Und manchmal, wenn ich nicht so ganz bei mir bin, ein bisschen schlecht gelaunt und schwach und lustlos wie heute, dann habe ich das Gefühl, sie verstehen zu können, diese Leute. Dann überlege ich, ob ich mir nicht ein weniger »skurriles« Lieblingshobby antrainieren soll, Lesen oder so. Ach Quatsch, irgendwas Geselliges. Und dann bekomme ich noch schlechtere Laune und fühle mich noch schwächer und noch lustloser als zuvor. Und dann gehe ich los.

Die Partie gegen den Tabellenzweiten endet 0:0, für TeBe ist das ein gewonnener Punkt nach einer sehr engagierten Leistung, für mich ein gefühlter Kantersieg. Ich habe den großen Regenschirm dabei, völlig umsonst natürlich, ha ha! Ich treffe Stephen und Ian, die das wundervolle No Dice Magazine machen (das ihr alle sofort lesen solltet), und das ist eine kurze, aber so sympathische, warme Begegnung, dass ich den ganzen Heimweg über lächeln muss, den neuen Button am Mantelkragen. Und an den Konfettiregen denken, an die Sprints von Taflan, an den hübschen Hund, das charmante Halbzeitelfmeterschießen, meinen Lieblingsfangesang, diese außerordentliche Kulisse … Und gleich ist da diese Party, auf die ich mich seit Tagen freue. Um ehrlich zu sein: Ich habe überhaupt keine Lust.



5. März 2012 12

Kein Liebeslied

| Abseits

Ich habe mich schon so oft gefragt, was eigentlich passiert, wenn man da mal zufällig hineingerät. Wenn man das alles direkt mitbekommt, nicht nur vom Hörensagen oder als Bericht im Netz, den man jederzeit lesen kann, mit einer Kaffeetasse in der Hand und warmen Socken an den Füßen. Was passiert eigentlich, wenn man mal mittendrin ist und sich nicht entziehen kann? Was will man dann machen – macht man überhaupt irgendetwas? Und was fühlt man in einem solchen Moment? Überhaupt irgendetwas?

»Treten Sie von der Bahnsteigkante zurück, der Zug fährt ein.« Die Durchsage ist unmissverständlich und ich folge der Anweisung wie alle anderen um mich herum, was gibt es da auch nachzudenken. Ich bin gedanklich ohnehin ganz woanders, Bremen hat 0:1 verloren und nicht besonders gut gespielt, und dann war da noch dieser Hertha-Fan, der einer Dame auf dem Weg zur Bahn den Werder-Schal vom Mantel gezogen hat. Ich ging direkt dahinter und konnte doch nichts tun, außer mich zu empören. Ich drehte mich um, sah den Mann wegrennen, machte die Frau auf den Diebstahl aufmerksam, rief noch laut »Hey!«, doch da war es ja längst zu spät, der Idiot über alle Berge und von hinten drängelten die Menschen. Was für ein Irrsinn. Und wie albern ich mir mit einem Mal vorkam – »Hey!« rufen und böse gucken, was für eine Spitzenidee …

Ich trete also wie befohlen ein paar Schritte zurück vom Bahnsteigrand, und der Zug hat noch nicht ganz gehalten, da schubst schon die Ungeduld von allen Seiten, viel zu viele Leute quetschen sich ins Abteil, laut und rücksichtslos und als gäbe es drinnen Freibier. Alles wie immer also. Ich erwische einen Sitzplatz, umklammere die Tasche auf meinem Schoß und schließe die Augen. Hoffentlich geht es schnell.

Die koordinative Leistung der Menschen ein paar Meter weiter, die es schaffen, gleichzeitig zu hüpfen und rhythmisch gegen die Fensterscheiben zu schlagen, nehme ich ruhig atmend zur Kenntnis und ziehe meinen Schal noch etwas höher. Die Bahn wackelt bedrohlich, aber ich bin ja bald da. Und dann beginnt die Gruppe junger Männer mit dunklen Brillen und kurzen Jacken plötzlich zu singen. Sie stehen direkt neben mir, diese Männer, vor mir, überall um mich herum, und sie singen laut und hässlich. In Dur.

Wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor für Türkiyemspor

Schiedsrichter, Jude, das war Foul!
Und nach dem Spiel, da gibt’s aufs Maul,
wenn’s in die 3. Halbzeit geht,
zu Allah zu beten ist dann zu spät […] *

Ich traue mich nicht aufzustehen, zu reagieren, irgendetwas zu sagen. Ich traue mich nichts. Wie geprügelt fühle ich mich von ihren Worten, ihrem ganzen Auftreten, bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. In diesen viel zu langen Minuten, in denen sie ihre Lieder grölen und die Bahn wankt, als tanze sie dazu, ist alles auf so offensichtliche und beängstigende Weise falsch. Diese Männer: falsch. Diese Parolen: falsch. Diese hämmernden Fäuste: falsch. Diese Enge: falsch. Diese Erstarrtheit: falsch. Ich: falsch.

Als ich die U-Bahn verlasse, die Finger in den Jackentaschen verkrampft, habe ich Tränen in den Augen, und tatsächlich gibt es jetzt nur eines, was ich wirklich will: weinen. Ein bisschen vor Wut – auf die und auf mich selbst und auf die Welt –, ein bisschen vor Hilflosigkeit und ein bisschen auch, um mir selbst zu versichern, dass ich noch da bin. Es gelingt mir nicht.

* Ich möchte nicht den ganzen widerlichen Text zitieren, und auch nicht die weiteren, die diesem hier folgten. Allein die nachträgliche Recherche hat mir Mühe bereitet, obwohl Google einem ja sofort alles vor die Füße spuckt. Oder gerade deshalb. Wer mehr wissen will, kann mal hier oder hier klicken.



26. Februar 2012 0

Auswärts Berliner SC – Tennis Borussia Berlin 2:0

| Ballkontakt

»Ich fühle mich gerade komisch, ein bisschen wie im Urlaub«, sage ich, als wir später im Bushäuschen sitzen und auf die Linie M29 warten und die Sonne uns wärmt wie noch nie in diesem Jahr. So ein Urlaub an einem Ort, den ich für maximal einen oder zwei Tage ertrage, weil für mich dort kaum etwas wirklich greifbar ist – es ist grün und beschaulich, die Leute im Schnitt etwas älter, gut gekleidete Damen mit Hund auf dem Arm, und an den Laternen klebt nichts außer schwerem Parfüm. Auf den ersten Blick ist nichts grundlegend falsch an einem solchen Schönwetterort, alles ist ganz hübsch, aber leider atmet es nicht.

Wir atmen. Zerknittert. Sitzen da und warten auf den Bus und sagen nichts mehr, weil es nichts mehr zu sagen gibt. Ein furchtbares Spiel war das. Zwei Gegentore, ein eigenes Tor, das nicht gegeben wurde, ein eigener Elfmeter, der kurz vor der Ausführung in einen Freistoß für den Gegner umgewandelt wurde. Ein schlechter Schiedsrichter, Kunstrasen, Pech. Gelb-Rot, Rumgepöbel, Matsch. Keine Bratwurst. Was soll man da schon sagen, das war alles Mist.

Am Vormittag hatten wir uns voller Vorfreude auf den Weg gemacht, mit Sonnenbrille statt Mütze. Endlich mal wieder ein Spiel, das nicht den widrigen Witterungsbedingungen zum Opfer fallen, sondern stattfinden sollte, und dazu ein blauer Himmel, was für ein Glück. Ich liebe diese Anreisen zum Spiel, das Gleich-geht-es-los-Gefühl, die Gleich-sind-wir-da-Zappeligkeit. Und wenn man unterwegs schon anderen begegnet, für die gleich ebenfalls etwas losgehen wird. Die aus allen möglichen Richtungen kommen, in Grüppchen oder allein. Und wenn sich dann vor Ort alles findet, begrüßt, oft stumm, weil man sich gar nicht kennt, aber umeinander weiß. Parole lila. Wenn man den anderen ansieht, dass auch ihre Nacht kurz war, wegen dieser außergewöhnlich frühen Anstoßzeit und natürlich wegen gestern. Dieses Ankommen ist mein 1:0, jedes Mal.

Als der Bus ankommt, wird mir klar, was mich neben der blöden Niederlage besonders bedrückt an diesem Kurztrip an die Hubertusallee. Es sind die vielen Verbotshinweise. Fahrradfahren verboten. Hunde an die Leine. Platz gesperrt. Treppe zum Platz gesperrt. Maschendrahtzaun. Lärm verboten. Tröten raus. Bitte leise freuen. Oder am besten gar nicht. Ich freue mich auf Mittwoch, da ist Heimspiel. Wir werden summen singen und trinken und Wurst essen, vielleicht werden wir auch jubeln, losjetzthier, und das Flutlicht wird uns wärmen wie ein Lagerfeuer.



22. Februar 2012 0

Esst mehr Obst

| Spielplan

»MELONE«. Foto: Copyright © Sarah Illenberger

Über Okkas Blog Slomo beziehungsweise Marlenes dortige Kolumne bin ich vor einiger Zeit auf die Berliner Künstlerin Sarah Illenberger aufmerksam geworden. Ihre Arbeiten sind faszinierend, besonders dieses köstliche Melonending da oben hab ich zum Fressen gern.

[Mmmmmhh: Sarahs Prints kann man essen kaufen. Nichts wie hin.]



18. Februar 2012 0

Herzrasen

| Abseits

Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich, das Amt des Mommsenrasens nach innen und nach außen so wahrzunehmen, wie es notwendig ist.

Der Mommsenrasen schmeißt hin. Schon in der Vergangenheit galt er als gesundheitlich labil, durch die Negativkampagne der letzten Wochen in Medien und sozialen Netzwerken fühlt er sich nach eigener Aussage nun zusätzlich geschwächt und verletzt. Ob der Mommsenrasen künftig noch Chancen auf eine tragende Rolle in der Freiluftwirtschaft haben wird, ist zur Stunde nicht bekannt. Besonders tragisch: Ein Interimsrasen steht bis auf Weiteres nicht zur Verfügung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.



16. Februar 2012 0

| Anstoß

Ich bezeichne mich doch auch nicht als Musikliebhaber und pfeife dann auf ’nem Konzert die Beatles oder Queen oder Johnny Cash aus!



6. Februar 2012 0

| Anstoß

Untenrum ist es sehr, sehr wichtig.



16. Januar 2012 1

Friede, Freude, Marmorkuchen

| Hoffnungsträger

Anpfiff. So ging er los, der Fankongress 2012. Das Motto: »Dialog statt Monolog!«

 
»Endlich Bier!«, ruft einer durchs Foyer, es ist Samstag, 15:30 Uhr, und es gibt Marmorkuchen. Dazu Wasser. Kaffeepause beim Fankongress 2012, Schlangestehen am Kuchenbüfett. Arminia Bielefeld hat bereits direkten Zugriff auf die reichhaltig bestückten Gebäckplatten, dicht gefolgt vom 1. FC Köln, Borussia Dortmund und Dynamo Dresden. Es herrscht Einigkeit: Lecker, dieser Kuchen. Cool, dieser Kongress. Grandios, dieses Fansein.

Zur gleichen Zeit irgendwo im Netz: Die zweitägige Veranstaltung im Berliner Kosmos ist kaum richtig ins Rollen gekommen, da wird schon – wie im Fußball so üblich – nach Ergebnissen gefragt. Was es denn nun gebracht habe, das Zusammentreffen von gut 500 Fußballfans aus mehr als 60 Vereinen, vorwiegend erste und zweite Liga. Welche Lösungen man abseits des Marmorkuchens herausgearbeitet habe. Ob es denn endlich Resultate gebe … Ja, die gibt es. Sogar eine ganze Menge.

Einer der wichtigsten Erfolge des Kongresses ist zweifellos, dass er überhaupt stattgefunden hat. Professionell organisiert von ProFans, ohne Unterstützung der Verbände (ein finanzielles Angebot der DFL lehnte man ab), dafür mit einwandfreiem Catering und vielen interessanten Gästen. Die Stimmung war freundlich, offen und sachlich, Rivalitäten machten sich maximal in Form von skeptischen Blicken oder unterschiedlichen Wegen zum Klo bemerkbar.

Um für den Erhalt der Fankultur zu kämpfen, ist es wichtig zu erkennen, dass diese Fankultur trotz selbstverständlicher individueller Besonderheiten in den Vereinen ein gemeinsamer Schatz ist, auf den es zusammen aufzupassen gilt. Konkurrenz ist schön und gut, aber bei großen Themen wie Pyrotechnik, Preispolitik und 50+1-Regel bringen überstürzte Alleingänge wenig. Sie schrecken die Gesprächspartner eher ab, als dass sie als ernsthafte Kommunikationsgrundlage angesehen werden. Deshalb der Kongress. Deshalb Dialog.

Natürlich kann man sich darüber ärgern, dass DFB und DFL »lediglich« Fan- und Sicherheitsbeauftragte geschickt haben, anstatt sich – beispielsweise durch die Herren Zwanziger und Rauball – prominenter aufzustellen. Natürlich ist es schade, dass die ZIS einen Tag vor Veranstaltungsbeginn die Absage ihres Vertreters Ingo Rautenberg verkündet hat. Und natürlich ist es legitim, sich darüber aufzuregen, dass »die Polizei« dem Kongress also fernblieb, am Samstagabend aber nach Veranstaltungsschluss vier Mannschaftswagen vor dem Kosmos hielten, deren Insassen sich laut Veranstalter »mal ein wenig umschauen wollten«. (Den Marmorkuchen haben sie nicht angerührt.) All das ist bedauerlich und sollte nicht unter den Tisch fallen, viel bedeutender aber ist, dem etwas entgegenzusetzen, und dafür war der Fankongress weit mehr als ein wichtiges Signal. Sachlichkeit, Kommunikationsbereitschaft, Hartnäckigkeit – das sind einige der Hauptargumente, mit denen die deutschen Fußballfans die »Stakeholder«, wie sie vor Ort oft genannt wurden, beeindrucken und überzeugen können.

Zu den eindrucksvollsten Programmpunkten des Fankongresses zählten das Gespräch mit dem Briten Michael Brunskill (Football Supporters’ Federation), der von den Verhältnissen in England erzählte, und der anschließende Bericht von Blogger und Italien-Experte Kai Tippmann. Sie machten deutlich, was passieren kann, wenn Fangruppen den Dialog verweigern und sich hinter ihrem Lokalpatriotismus verbarrikadieren (Campanilismo), und wie der konkrete Alltag eines britischen Fußballfans aussieht, der sich die Eintrittskarte fürs Stadion nicht mehr leisten kann. Etwa 1.200 Euro koste die günstigste Dauerkarte bei Arsenal, »in der Premier League geht es nur noch ums Geld«, so Brunskill. In England spiele sich Fankultur aus diesem Grund inzwischen vorwiegend in den Pubs ab, in Italien gibt es laut Tippmann zum Teil dort, wo noch vor ein paar Jahren Tausende zusammen gesungen haben, heute nur noch lobenswert engagierte Kleingruppen – »manchmal nicht mehr als zehn, zwölf Leute« –, die beispielsweise ein Transparent gegen die Tessera del Tifoso in die Höhe halten.

Sicher, die meisten haben schon davon gehört, dass es in England ziemlich teuer ist, ein Fußballspiel live im Stadion zu verfolgen, und die meisten blicken wohl auch mit einer Mischung aus Faszination und Betroffenheit auf die italienische Ultràbewegung in den 80ern oder 90ern. Doch es berührt eben ungleich stärker, wenn man zwischen Anhängern ganz verschiedener, zum Teil verfeindeter Vereine in einem violett gepolsterten Kinosaal sitzt und jemandem zuhört, der anschaulich aus erster Hand berichtet und ganz nebenbei darauf hinweist, dass viele Fußballfans im europäischen Ausland neidisch auf die deutschen seien, weil die es hier so gut hätten mit all ihren Mitbestimmungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen, von denen Italiener oder Engländer träumen. Fankongresse wie der in Berlin wären dort undenkbar. Es waren sehr unterschiedliche Szenarien, die beide Vortragenden schilderten, und doch handelte es sich um dieselbe Botschaft: Freut euch, macht was, setzt euch ein, möglichst gewaltfrei, aber vehement. Und das ist ein weiterer Effekt des Fankongresses: nicht nur theoretisch um eine Möglichkeit der Einflussnahme zu wissen, sondern wirklich zu spüren, dass es wichtig ist, die eigene Verantwortung wahrzunehmen. Ein Gefühl für den Gesamtkontext zu bekommen und dadurch Missstände, aber auch Wünsche klarer definieren und formulieren zu können.

Vielleicht ist es das, was der DFL-Fanbeauftragte Thomas Schneider eigentlich meinte, als er bei der großen Podiumsdiskussion am Samstagabend in unangemessen vorwurfsvollem Ton von mangelnder Selbstreflexion sprach. Selbstreflexion im Sinne von: die eigenen Möglichkeiten erkennen, sich selbst und sein Tun kritisch betrachten und realistisch einschätzen. Und aus dieser Einschätzung heraus den Mut haben, sich zu beteiligen – individuell, im eigenen Verein oder auch vereinsübergreifend. Protest, ja, unbedingt. Aber eben auch: Beteiligung. Das geht gewiss nicht, wenn man einer Wand aus Uniformierten gegenübersteht, aber bei so einem Fankongress, und darüber hinaus, geht das sehr gut. Schenkt man den Worten von Schneider und seinem DFB-Kollegen Gerald von Gorrissen (ebenfalls Fanbeauftragter) Glauben, dann greift die ausgestreckte Hand der Fußballfans keineswegs ins Leere, weil Gesprächsbereitschaft bei DFB und DFL durchaus in hohem Maße vorhanden sei. Ob das wirklich so ist, darf gerade in Bezug auf das Thema Pyrotechnik angezweifelt werden – die Sache mit der Selbstreflexion gilt jedenfalls für alle involvierten Parteien, und die Fans haben mit ihrem Kongress in Berlin erst mal ordentlich vorgelegt.

Die Journalistin Nicole Selmer befand bei der Abschlussveranstaltung, die Mitwirkung der Teilnehmer(innen) sei ihrer Ansicht nach zu gering gewesen. Man hätte noch viel konstruktiver diskutieren können, wenn sich die Fans während der Vorträge aktiver eingebracht hätten. Das ist zwar richtig, aber zum einen fehlten auf den Podien mitunter Vertreter von Gegenpositionen, zum anderen ist diese Dimension des Mitmachenkönnens vielen jüngeren Fans überhaupt nicht vertraut. Wenn diese Fans das Gefühl aus Berlin mitnehmen, dass sie Einfluss haben, gehört werden und mit ihrem Anliegen nicht alleine sind, und wenn sie davon ausgehend ihren eigenen Weg finden, sich für das einzusetzen, was sie am Fußball besonders lieben, dann ist dies mit Sicherheit das wertvollste und ermutigendste Ergebnis des Wochenendes.

[Einige lobenswerte Initiativen und Interessenvertretungen, die in Berlin dabei waren: Aktion Libero, Amnesty International (Polizei), BiBeriS, Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF), Erhalt der Fankultur, Fananwälte, Fanrechtefonds, FARE, Football Supporters Europe (FSE), Fußballfans gegen Homophobie, Kein Zwanni, Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), ProFans, Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren, Soccer Sound (LSVD), Unsere Kurve.]



11. Januar 2012 0

| Anstoß

Um mich herum flippt alles komplett aus, Konfetti, Gesang, das volle Programm, wildfremde Menschen fallen sich um den Hals, Steffen drückt mir einen Schmatzer auf die Wange, ich hüpfe mit herum, alles strahlt und tanzt und singt, was! für! ein! Fest!