17. Juni 2012 14

Schland unter

| Abseits

Es gibt Worte, die ich besonders gerne benutze. Konfetti, ach, verliebt, yeah. Es gibt Sachen, die ich besonders gerne esse. Bratwurst, Clafoutis. Es gibt Fußballer, denen ich bei dieser Europameisterschaft besonders gerne zusehe. Boateng, ?ech, Mellberg (seufz). Es gibt Dinge, die für mich in Verbindung mit Fußball im Mittelpunkt stehen. Respekt, Emotion, Fairplay. Und es gibt so Sachen, die sind mir völlig schnuppe. Das mit den Fähnchen zum Beispiel.

Ich traue mich ja kaum, es zu sagen, aber mich interessiert die aktuell zur Schau getragene Schwarzrotgoldigkeit vieler deutscher Fußballfans nicht die Bohne. Sollen sie sich doch in Fahnen hüllen, sich kreischend und mit bemalten Wangen zuprosten, ihre Autos bis zum Gehtnichtmehr beflaggen, aus Schland-Kaffeebechern trinken – wenn es ihnen Spaß macht, bitte schön, ich habe nichts dagegen. Für mich ist das nichts, ich mache da nicht mit – und möchte für meine Haltung ebensowenig scheiße gefunden werden –, ich gehe auf keine Fanmeile und brauche auch keinen Fußballstrand. Aber dass es mich aufregt, wenn das jemand anders handhabt, kann ich wirklich nicht behaupten. Ich rege mich über ganz andere Sachen auf: über Intoleranz, Aggressivität und Häme zum Beispiel, mit und ohne Fähnchen. Und über all die Regelnaufsteller, die hinter jedem Wimpel eine niederträchtige Botschaft wittern. Die in einem bemerkenswerten Entrüstungsreflex »Partynationalismus« diagnostizieren, sobald ihnen so ein Flaggenmensch begegnet. Die Fähnchen abknicken, Zettel mit oberlehrerhaften Botschaften an Autodächern hinterlassen und damit weit übers Ziel hinausschießen. Die Männern sagen, dass sie sich zu rasieren haben, um kein falsches Signal zu setzen. Die auf »Eventfans« schimpfen und sich für die besseren, die wahren Fans halten, nur weil sie sich auch abseits von Großveranstaltungen für Fußball interessieren – wie arrogant ist das denn bitte? Die sich – als hätten sie zwei Jahre nur darauf gewartet – voller Inbrunst bei jeder TV-Übertragung über Kommentatoren- und Moderatorenleistungen und in Kameras winkende Fans auslassen, sich dabei auch noch unterhaltsam finden und dem geneigten Zuschauer damit weit mehr auf den Keks gehen als die Gescholtenen selbst. Mir zumindest. Ich finde das alles in kaum mehr erträglichem Maße überheblich und in der Summe anstrengender als das taumelnde Karnevalsvolk.

Mag sein, dass ich da ein entscheidendes Detail übersehen habe, aber für mich fühlt sich Deutschland in diesen Tagen an wie eine einzige Richtigmacherdoku: auf der einen Seite die, die einfach alles, was da ist, in die Pfanne schmeißen, mit viel Ketchup druff, jippie – auf der anderen Seite jene, die all den »Ahnungslosen« in bester Fernsehkochmanier mit erhobenem Kochlöffel demonstrieren, wie Bratkartoffeln wirklich gehen. Nee, echt, kein Interesse, ich hab schon gegessen – und jetzt möchte ich gerne Fußball gucken.

14 Kommentare

  1. Johannes sagt:

    Statt eines Kommentars:

    http://www.loewenwiki.de/index.php/Anja_&_Tanja

    Wünsche weiter frohes EM-Gucken, ohne Anja & Tanja & Ingo …

  2. hirngabel sagt:

    Sehr schöner Text!

    Einzig das TV-Übertragungsgemeckere muss leider tatsächlich sein. Aus therapeutischen Gründen.

  3. Hm, das wird schwierig, bei der langen Liste an potentiellen Nervereien, jemanden zu finden, der Dir zustimmt, ohne sein eigenes Glashaus einzuwerfen.
    Das Plakat hab ich gestern auch gesehen – der halbe Prenzlauer Berg ist damit zugepflastert – und ich hab mich echt gewundert: Wer bringt soviel Zeit, Geld und Energie dafür auf? Ich vermute ja eine Werbekampagne.

  4. Phil sagt:

    Ein guter Text!

    @hirngabel: Besonders auf das TV-Übertragungsgemeckere könnte ich mehr als gut verzichten. :-)

  5. BigEasyMuc sagt:

    Ja! Ja! Ja! Dem ist nichts hinzuzufügen.

  6. hirngabel sagt:

    @Phil
    Teilweise ist das sicherlich zwanghaft, ja, aber teilweise muss es einfach sein, wie bei der unfassbaren Kommentatorenleistung von Wark letzte Woche.
    Ansonsten gilt das was der spielbeobachter (quasi) schreibt: Bei so vielen angesprochenen Punkten wird sich kaum jemand komplett ausnehmen können.

  7. Andi sagt:

    Toller Text!

    In einer Sache finde ich mich gewissermaßen wieder: Ich bin erstaunt, wie Fans während des Spiels, etwa bei Rückstand der Mannschaft, dessen Trikot man gerade trägt, traurig und enttäuscht dreinblicken, aber sofort auf überschwängliches, euphorisches Jubeln umschalten können, wenn sie bemerken, dass sie gerade auf der Video-Wand/dem Video-Würfel im Livebild eingeblendet werden. Das ist schon ein bemerkenswerter, mir nicht ganz nachvollziehbarer Wechsel gegensätzlicher Emotionen, der sich da in Windeseile abspielt.

  8. Stefan sagt:

    Was für falsche Signale sendet man denn als unrasierter Mann?

  9. Kata sagt:

    Och … irgendwo habe auch ich mich in @unrunds Blog wiedergefunden, sei es beim permanenten Eindeutschen der Städtenamen oder der falschen Aussprache in ihrer Landessprache, da ich schon der Meinung bin: professionell wäre z.B., wenn man sich in der Zeit der Vorbereitung auch mal vor Ort hätte erkundigt, weil dies für mich auch immer etwas mit Respekt u. Wertschätzung zu tun hat.

    Aber natürlich hat @unrund Recht. Mehr Gelassenheit täte dem einen oder anderen, so auch mir, gut. Ob Kritik gerechtfertigt ist, liegt jeweils an der Wahrnehmung jedes einzelnen, nämlich an seinen an sich gestellten Ansprüchen.

    Und dennoch werde ich bei jedem hörbaren “Sieg! Sieg!”- Ruf oder “Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da”-Gesang zusammen zucken …. aber nicht schweigen!

  10. Kiki sagt:

    Genau. Jeder Fan der Nationalmannschaft ist ein Eventfan, denn die spielt ja in aller Regel nur bei Events. Was daran so verwerflich sein soll, ich werde es nie verstehen. Nicht selten sind die Eventfan-Hasser deckungsgleich mit „Lebe jeden Tag so als wäre es dein letzter“-T-Shirt Trägern.

    Fähnchen brauche ich auch nicht zum Glücklichein, die sind mir völlig schnurz und ärgern mich nicht – anders als das intolerante Gesülze und die Westentaschendjango-Mentalität der fähnchenabknickenden Blockwarts.

  11. stefanie sagt:

    Danke für euer Feedback. Kritik zu üben ist ja grundsätzlich was Tolles und Wichtiges. Und klar, auch im EM-Kontext gibt es viele kritikwürdige Punkte. Ich hab natürlich gar nichts dagegen, wenn man mal einen Spruch macht. Mache ich auch. Unerklärlich ist mir aber die Vehemenz und Konstanz, mit der manche Leute meinen, anderen vor Augen führen zu müssen, was die ihrer Ansicht nach alles falsch machen. Was das für Formen annimmt. Dass da blitzschnell so eine Verachtung mitschwingt und eine Ab- und Ausgrenzung (»wir hier, ihr da«) mit sich bringt. Das gefällt mir nicht.

    Winkende Fans hingegen finde ich in der Regel ganz amüsant, manchmal auch echt süß, zum Beispiel diesen kleinen Jungen gestern. Verantwortlich für abrupte Emotions-U-Turns sind vielleicht die gleichen Leute, die wollen, dass wir auf Fotos lächeln. »Jetzt lach doch mal … Bitte schön freundlich … Cheeeese.« Man sollte mal eine Studie in Auftrag geben, die herausfindet, wie viele Fans direkt nach einem solchen Jubelreflex an ihre Mutter gedacht haben – und: Fuck, was war denn das jetzt?

    Was die furchtbaren »Sieg«-Rufe betrifft: Ich wünschte mir sehr, es gäbe dazu mal eine ernstzunehmende, sachliche öffentliche Diskussion. Oder gab es die mal? Die Argumente sind ja gute, und im Grunde ist es – wie so oft – eine Frage der Vernunft, bestimmte Dinge zu tun und andere zu lassen. Muss man nur mal drüber reden. Diesen Tweet gestern vom Sportstudio, den fand ich zum Beispiel stark. Ist vielleicht ein Anfang.

    Weiterführende Links zur Rasurthematik:
    http://www.mein-bart-fuer-deutschland.de
    http://www.kein-bart-fuer-deutschland.de
    http://www.facebook.com/MeinBartIstWichtigerAlsDeutschland

  12. Jens sagt:

    Hi,

    wenn ich mir Deinen Artikel so durchlese, muss ich neidlos zugeben, dass Du eigentlich recht hast.

    Ganz besonders trifft das für mich auf Richtigmacher- Olli und seine Richtmacher-Kollegin zu.

    Auch die deutsche Nationalmannschaft hat alles richtig gemacht. Nur halt am Ende eben nicht richtig gewonnen.

    Liebe Grüße aus Delmenhorst

  13. […] sind die Girlandenmenschen jedoch total egal. Sie kritisieren lediglich das Girlandenmenschenbashing und finden es […]

Kommentieren