19. Mai 2012 2

Eine schöne Geschichte

| Spielplan

»Man muss schon ein bisschen bekloppt sein, um so was zu machen«, sagt T. kopfschüttelnd, ich nicke. Oder es sehr lieben. Und da Liebe und Beklopptsein ja für gewöhnlich deckungsgleich sind, wundert mich nichts. Schon gar nicht bei TeBe.

T.s anerkennendes Kopfschütteln gilt Jan. Fast zwei Stunden haben wir im »Casino« gesessen und ihm zugehört.* Das »Casino« ist diese mit lauter sportlichen Devotionalien dekorierte Kneipe Zeitmaschine im Mommsenstadion, in der nahezu alles aus Holz oder Bier oder aprikosenfarben ist. Jan ist Historiker. Und TeBe-Fan, seit wann? »Seit dem Relegationshinspiel 1998 um den Aufstieg in die zweite Bundesliga gegen Hannover 96.« Okay, die Frage war zugegebenermaßen nur so halbschwer, aber ich vermute, Jan hätte auch, weckte man ihn nachts um halb drei, die Schuhgröße von Sepp Herberger, das Torverhältnis der Veilchen in der Saison 1927/28 und das Geburtsdatum von Albert Eschenlohr parat. Bei den Vorbereitungen zur Festschrift anlässlich des 100. Geburtstags von Tennis Borussia Berlin vor zehn Jahren war ihm aufgefallen, dass bedauerlicherweise nur wenige Fotos aus der Gründungszeit des Vereins existierten. Also begann er zu recherchieren, zu suchen, zu sammeln. Und er begann zu schreiben. Das Ergebnis stellte er in dieser Woche im Mommsenstadion vor: TeBe-Geschichten.

Wer jetzt denkt: Gut, da ist so ein Typ, der hat sonst nichts zu tun und mal lauter Statistiken von irgendwann damals zusammengetragen … wie nett, dass das mal jemand macht … so … noch ’n Bier, bitte – wer das denkt, ist doof. Und irrt. Jan Buschbom hat nicht nur Zeit und Geld investiert, um Zahlen und Bilder zu sammeln, sondern war auch neugierig auf die dazugehörigen Geschichten. Um sie mit anderen teilen zu können und nicht wieder zu vergessen, schrieb er sie auf, eingebettet in den historischen Kontext, die sportliche und politische Stimmung im Verein und darüber hinaus.

Gemeinsam mit Daniel Sterl, der für das Layout und die technische Umsetzung verantwortlich ist, entwickelte er vor etwa zweieinhalb Jahren ein Konzept für diese außergewöhnliche Online-Vereinschronik und schrieb erste kleine Texte, gespickt mit Zitaten aus alten Dokumenten. Seine Quellen waren vor allem die Vereinszeitungen – damals war es übrigens noch Aufgabe des Trainers, kurze Spielberichte zu verfassen –, doch er durchstöberte auch die Archive von kicker, Fußball-Woche, der Vossischen Zeitung oder dem Berliner Tageblatt. Mit Unterstützung von TeBe-Vorstand Roland Weißbarth, der die Rubrik Gegner mit Informationen bestückte, entstand eine einzigartige Sammlung von Anekdoten und Fundstücken, eine wertvolle Erinnerungsbibliothek, die mithilfe der engagierten Fan- und Verliebtenszene des Vereins weiter wachsen soll. Denn bisher werden vor allem Geschichten aus den ersten 30, 40 Jahren nach der Gründung der Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft im Jahre 1902 erzählt.

Nach meiner Rückkehr aus dem »Casino« beginne ich zu lesen und kann gar nicht mehr aufhören. Mir gefällt diese Sprache, diese beiden Sprachen – die von damals und die von Jan –, die auf mich wie Geschwister wirken, die sich gut kennen und einander sehr mögen.

Wie sich die Muskeln straffen! Hier ist Fußball ganz zum Kampf geworden. Die beiden Berliner Internationalen Sobek und Brunke im harten Ringen um den Ball. Meisterhaft die Fußtechnik der beiden!

Um sich selbst und zugleich dem Verein ein kleines Geschenk zu machen, kann man übrigens einen Teil der alten Bilder käuflich erwerben, als Poster, als Kunstdrucke, als Postkarten. Das finde ich ganz wunderbar, auch wenn es bedeutet, dass ich mich entscheiden muss, und das fällt mir angesichts der Auswahl schwer. Am liebsten hätte ich alle. … Ja, man muss bekloppt sein. Nicht nur ein bisschen.

Fotos: Copyright © Archiv Buschbom

* Ihm und Christian, Autor des Buches Rasen der Leidenschaften, der uns im Rahmen des Geschichtsabends Fotos von den ehemaligen Spielstätten der Tennis-Borussen gezeigt hat. Und dass Christian hier nur klein und grau auftaucht, sagt natürlich nichts über die Qualität seines großartigen Buches aus.

2 Kommentare

  1. Jan sagt:

    bei der Schuhgröße von Seppl Herberger muss ich leider passen; 1927/28 hatten die Tennis Borussen einen deutschen Rekord vorgelegt: Die Veilchen hatten in allen regulären Verbandsspielen einen Lauf von 18 Siegen und einem Unentschieden vorgelegt. 19 mal Unbesiegbar bei 93 zu 16 Toren für die Veilchen. Rekordhalter war bis dahin die Berliner Viktoria, aufgestellt im Jahr 1904. Bertls Geburtstag war der 10. März 1898. ;-)

  2. Philip sagt:

    Da will man mal eben die Schuhgröße von Sepp Herberger googlen, und was bekommt man angeboten? Drei Verweise auf diesen Artikel … So was nennt man Rundgeschichte! Und das bei dem Namen des Blogs ;-)

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