10. März 2012 3

Lust, los Lichtenberg 47 – Tennis Borussia Berlin 0:0

| Abseits

Ich wache auf, schaue aus dem Fenster, es ist grau, es regnet, ich habe schlechte Laune und keine Lust auf Fußball. Füttere die Katze, trinke den ersten Kaffee, immer noch keine Lust auf Fußball. Höre das schöne Lied, dreidreiunddreißig, gehe mal duschen, ziehe irgendwas Lilafarbenes an – woah, keine Lust auf Fußball heute. Über-haupt-kei-ne-Lust. Ächz, Kaffee Nummer zwei. Vielleicht sollte ich mich einfach wieder hinlegen, zur Katze, mit diesem besänftigenden Gesang im Ohr, oh, schönes, faules Wochenende … Moment mal. In etwas mehr als einer Stunde spielt TeBe, ich kann zu Fuß zum Spiel gehen, es hat zu regnen aufgehört und ich hocke hier halbangezogen im Jammertal? Auf gar keinen Fall.

In schöner Regelmäßigkeit fragen mich Freunde oder Bekannte, ob ich denn etwa schon wieder beim Fußball war, mit diesem leicht belustigten Gesichtsausdruck, den ich schon so lange so gut kenne. Wenn sie dann, meist ohne meine Antwort abzuwarten, zum nächsten Thema übergehen und mir in aller Ausführlichkeit von ihren Shoppingsamstagen erzählen, ihren Kuchenbacksamstagen, Trödelmarktsamstagen, Fitnessstudiosamstagen, Kindergeburtstagssamstagen, Lass-mich-in-Ruh-Samstagen und Ich-geh-mal-ins-Büro-Samstagen, dann frage ich mich, was zur Hölle an meinen Samstagen so amüsant ist. Und weshalb sie sich offenbar nicht die Spur dafür interessieren, warum ich eigentlich so gerne zum Fußball gehe. Ich würde es ihnen gerne erzählen und sogar ein paar meiner Rezepte verraten … na gut, alle. Aber sie fragen nicht, nie. Sie denken sich nur was zurecht. Und manchmal, wenn ich nicht so ganz bei mir bin, ein bisschen schlecht gelaunt und schwach und lustlos wie heute, dann habe ich das Gefühl, sie verstehen zu können, diese Leute. Dann überlege ich, ob ich mir nicht ein weniger »skurriles« Lieblingshobby antrainieren soll, Lesen oder so. Ach Quatsch, irgendwas Geselliges. Und dann bekomme ich noch schlechtere Laune und fühle mich noch schwächer und noch lustloser als zuvor. Und dann gehe ich los.

Die Partie gegen den Tabellenzweiten endet 0:0, für TeBe ist das ein gewonnener Punkt nach einer sehr engagierten Leistung, für mich ein gefühlter Kantersieg. Ich habe den großen Regenschirm dabei, völlig umsonst natürlich, ha ha! Ich treffe Stephen und Ian, die das wundervolle No Dice Magazine machen (das ihr alle sofort lesen solltet), und das ist eine kurze, aber so sympathische, warme Begegnung, dass ich den ganzen Heimweg über lächeln muss, den neuen Button am Mantelkragen. Und an den Konfettiregen denken, an die Sprints von Taflan, an den hübschen Hund, das charmante Halbzeitelfmeterschießen, meinen Lieblingsfangesang, diese außerordentliche Kulisse … Und gleich ist da diese Party, auf die ich mich seit Tagen freue. Um ehrlich zu sein: Ich habe überhaupt keine Lust.

3 Kommentare

  1. Fanny sagt:

    So schön. Beim Lesen Deiner Texte wird mir immer ganz warm ums Herz und in mir drin.
    Nur der Anfang des zweiten Absatzes macht mich traurig. Das kann doch nicht sein, dass das keiner versteht oder sich dafür interessiert? Wobei dieses “schon wieder” dann auch schon wieder süß ist. Natürlich schon wieder! Das ist doch das Prinzip bei einer Saison. Dass jeder ein Mal zu Hause und ein Mal auswärts gegen jeden spielt. Und dann im nächsten Jahr wieder. Frag’ doch beim nächsten Mal auch einfach: Wie, Du hast schon wieder einen Kuchen gebacken? Du hast doch vor 3 Monaten schon einen gebacken?

  2. Clemens sagt:

    Ein sehr treffender Text, der mich sehr an meine Berliner Zeit erinnert, als ich häufig an den Wochenenden auf den eigenartigsten Fußballplätzen stand, um die Spiele des Lichterfelder FCs zu verfolgen. Der komplette Freundeskreis hat den Kopf darüber geschüttelt, dass ich mich in den Niederungen der Amateuroberliga rumtrieb.
    Und an den Verein Lichtenberg 47 habe ich noch ganz besondere Erinnerungen, denn da habe ich mein letztes Auswärtsspiel des LFC gesehen. Ein großartiger 3:1-Auswärtssieg war das!
    Und TeBe habe ich ja Ende der 90er auch nur wenig Spiele verpasst in der legendären Aufstiegssaison unter Hermann Gerland. Hier bleibt natürlich das entscheidende Spiel gegen Sportfreunde Siegen in Erinnerung. Hach, ich werde ganz nostalgisch. Vielleicht sollte ich heute Abend mal wieder meinen TeBe-Schal rauskramen…

  3. werner hansch sagt:

    …ja und mir wird bei deinen texten auch immer so, äh oder doch eher anders, irgendwie (du meine güte…). allerdings SEHR zutreffend, deine ansichten/äußerungen zu diesen menschen aus einer welt ohne fußball, aber mit viel enthusiasmus für den neuesten ipod, oder mit der ansicht daß alle freunde des runden leders stumpfe prolldumpfbacken sind. mein rat an “diese welt”: trinkt mal’n bier zum frühstück, macht bungee oder fahrt mal fahrrad ohne licht. ansonsten viel spaß noch beim langweiln :)))

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