5. März 2012 12

Kein Liebeslied

| Abseits

Ich habe mich schon so oft gefragt, was eigentlich passiert, wenn man da mal zufällig hineingerät. Wenn man das alles direkt mitbekommt, nicht nur vom Hörensagen oder als Bericht im Netz, den man jederzeit lesen kann, mit einer Kaffeetasse in der Hand und warmen Socken an den Füßen. Was passiert eigentlich, wenn man mal mittendrin ist und sich nicht entziehen kann? Was will man dann machen – macht man überhaupt irgendetwas? Und was fühlt man in einem solchen Moment? Überhaupt irgendetwas?

»Treten Sie von der Bahnsteigkante zurück, der Zug fährt ein.« Die Durchsage ist unmissverständlich und ich folge der Anweisung wie alle anderen um mich herum, was gibt es da auch nachzudenken. Ich bin gedanklich ohnehin ganz woanders, Bremen hat 0:1 verloren und nicht besonders gut gespielt, und dann war da noch dieser Hertha-Fan, der einer Dame auf dem Weg zur Bahn den Werder-Schal vom Mantel gezogen hat. Ich ging direkt dahinter und konnte doch nichts tun, außer mich zu empören. Ich drehte mich um, sah den Mann wegrennen, machte die Frau auf den Diebstahl aufmerksam, rief noch laut »Hey!«, doch da war es ja längst zu spät, der Idiot über alle Berge und von hinten drängelten die Menschen. Was für ein Irrsinn. Und wie albern ich mir mit einem Mal vorkam – »Hey!« rufen und böse gucken, was für eine Spitzenidee …

Ich trete also wie befohlen ein paar Schritte zurück vom Bahnsteigrand, und der Zug hat noch nicht ganz gehalten, da schubst schon die Ungeduld von allen Seiten, viel zu viele Leute quetschen sich ins Abteil, laut und rücksichtslos und als gäbe es drinnen Freibier. Alles wie immer also. Ich erwische einen Sitzplatz, umklammere die Tasche auf meinem Schoß und schließe die Augen. Hoffentlich geht es schnell.

Die koordinative Leistung der Menschen ein paar Meter weiter, die es schaffen, gleichzeitig zu hüpfen und rhythmisch gegen die Fensterscheiben zu schlagen, nehme ich ruhig atmend zur Kenntnis und ziehe meinen Schal noch etwas höher. Die Bahn wackelt bedrohlich, aber ich bin ja bald da. Und dann beginnt die Gruppe junger Männer mit dunklen Brillen und kurzen Jacken plötzlich zu singen. Sie stehen direkt neben mir, diese Männer, vor mir, überall um mich herum, und sie singen laut und hässlich. In Dur.

Wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor für Türkiyemspor

Schiedsrichter, Jude, das war Foul!
Und nach dem Spiel, da gibt’s aufs Maul,
wenn’s in die 3. Halbzeit geht,
zu Allah zu beten ist dann zu spät […] *

Ich traue mich nicht aufzustehen, zu reagieren, irgendetwas zu sagen. Ich traue mich nichts. Wie geprügelt fühle ich mich von ihren Worten, ihrem ganzen Auftreten, bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. In diesen viel zu langen Minuten, in denen sie ihre Lieder grölen und die Bahn wankt, als tanze sie dazu, ist alles auf so offensichtliche und beängstigende Weise falsch. Diese Männer: falsch. Diese Parolen: falsch. Diese hämmernden Fäuste: falsch. Diese Enge: falsch. Diese Erstarrtheit: falsch. Ich: falsch.

Als ich die U-Bahn verlasse, die Finger in den Jackentaschen verkrampft, habe ich Tränen in den Augen, und tatsächlich gibt es jetzt nur eines, was ich wirklich will: weinen. Ein bisschen vor Wut – auf die und auf mich selbst und auf die Welt –, ein bisschen vor Hilflosigkeit und ein bisschen auch, um mir selbst zu versichern, dass ich noch da bin. Es gelingt mir nicht.

* Ich möchte nicht den ganzen widerlichen Text zitieren, und auch nicht die weiteren, die diesem hier folgten. Allein die nachträgliche Recherche hat mir Mühe bereitet, obwohl Google einem ja sofort alles vor die Füße spuckt. Oder gerade deshalb. Wer mehr wissen will, kann mal hier oder hier klicken.

12 Kommentare

  1. heinzkamke sagt:

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich sagen soll. Bin sprachlos, hab sowas noch nie gehört, lebe vermutlich auf einer Insel in einem Fanblock der Glückseligen, und bin blank entsetzt.
    Letztlich geht es mir, so interpretiere ich meine Gemütslage, in erster Linie darum, Deinen Text nicht unkommentiert zu lassen und zu signalisieren, dass ich, wie soll ich sagen, ja, das trifft es wohl am besten: mit Dir fühle.

  2. Ich verstehe Deine Wut auf Dich selbst – Deine Wut auf die sowieso – aber dennoch hast Du nichts falsches getan. Leider. Deine Chancen, da irgendetwas ausrichten zu können, sei es direkt oder indirekt, sind in der Situation gleich Null. Was keine tröstende Erkenntnis ist.

    Und leider muss ich auch sagen, dass ich diese Gesänge in regelmäßigen Abständen hören muss, wenn ich zu einem Fußballspiel nach Charlottenburg fahre. Deshalb fahre ich da so gern mit einem großen Pulk effzeh-Fans hin: Die Karnevalslieder sind dann lauter.

  3. kreuzberger sagt:

    Als meine Bremer Jungs am Samstag in Berlin verloren haben, habe ich sowas zum Glück nicht hören müssen. Ich kann Deine Gefühle aber gut verstehen. Denn vor zehn oder 15 Jahren habe ich bei der Hertha ein anderes rechtes Lied hören müssen, mit dem das kurzgeschorene Pack minutenlang einen afrikanischen Spieler beleidigte. Und ich saß genauso fassungs- und regungslos da wie Du in der S-Bahn. Hinterher fühlte ich mich so ähnlich wie Du, weil ich nichts gesagt oder gemacht hatte. Ein Scheißgefühl.

  4. Stephen sagt:

    Wow. I am shocked that those words actually spoken by people. I was naive enough to think that those words and that sentiment was some bizarre, disgusting, mutated anomaly rather than something people actually listened to and repeated.

    You did nothing wrong in that situation. If I were there, I’d have weighed up my options.
    Option one – say something, probably get punched, fail to enlighten those ignorant cretins.
    Option two – tell the world. Bring people’s attention to it. Tell Hertha (fanbetreuung@herthabsc.de and medien@herthabsc.de) and hope for a loud, clear, public condemnation.

    Option one leaves us in a circle of violence, aggression and discrimination.
    Option two, with tiny, barely-perceptible baby steps, lets people know that such behaviour is absolutely unacceptable.

    Thanks for writing this post, Stefanie.

  5. hanna sagt:

    Ganz mutig,erst jetzt hier zu schreiben, statt Zivilcourage zu zeigen!
    Damit ist wohl keinem geholfen! Solche Aussagen sind FALSCH und NICHT zu tolerieren, aber wem ist bitte damit geholfen, wenn keiner in der Bahn den Mut hat, was zu sagen?!?! NIEMANDEN!!!
    Hier im geschlossenen Kreis hat jeder Mut, aber was ist, wenn es drauf ankommt??? Da seid ihr alle feige… Ich gehe seit Jahren ins Stadion und fahre immer mit Bahn, ich habe noch nie solche Lieder gehört!

  6. fvl sagt:

    ich kenne das gefühl und wenn hanna schreibt, das sei alles feige, während sie selbst noch nie in dieser situation war, wie sie weiter schreibt, dann hat sie einfach keine ahnung, wovon sie redet. alleine gegen den mob das ist ein scheißgefühl, ein gefühl der machtlosigkeit, ein gefühl des wenn-die-wollen-bin-ich-tot. das recht auf leben und körperliche unversehrtheit des_der anderen nicht anzuerkennen ist kern rechter ideologie…

    ich war übrigens auch da: http://fussballvonlinks.blogsport.de/2012/03/05/eigentlich-sollte-hier-ein-bombenkrater-sein/

  7. Widerlich.
    Nicht Dein Text, nicht Deine Selbstzweifel.

  8. @ hanna sagt:

    Dann hast Du was an oder auf den Ohren. Ich gehe sehr selten in dieses “Stadion” in Berlin und kriege dabei leider dennoch regelmäßig deratiges mit. Das reicht von Landser Liedgut (auch andere Lieder) bis hin zu grenzwertigen Patches. Vielleicht bin ich sensibilisierter dafür als Du, keine Ahnung.

    Und Deiner Forderung nach Zivilcourage: Ich verstehe den Autor und hätte aucht nichts tun können. Ich stelle ich mich dem Nazi im Supermarkt entgegen, der sich über die “Negerfamilie” vor ihm lustig macht und riskiere dabei ne blutige Nase. Aber ich stelle micht nicht alleine gegen einen aufgeputschten und besoffenen Pöbel und bringe mein eigenes Leben in Gefahr. Zivilcourage ja, Selbstmord nein.

    Dem Autor ist kein Vorwurf zu machen. Vielmehr aber einem Verein mit seinen Fans, der bis heute solchem Pack ein Forum gibt sich zu versammeln und außer Lippenbekenntnissen und Langnese Block nichts entgegen zu setzen hat!

  9. Hanna redet natürlich einen schönen Schmarrn. Trolle soll man nicht füttern, in diesem Fall muss man aber wenigstens sagen, dass hier niemand falsch gehandelt hat, der nicht intervenierte. Völlig absurd, aber das ist allen, die hier mit gesundem Verstand lesen, ohnehin klar.

    Und der Hausherrin (Hausfrau wäre so blöd wie Hausdame) wünsche ich möglichst schnelles Verschwinden des üblen Nachgeschmacks, die solche Situationen hinterlassen.

  10. leon sagt:

    Die Autorin hat keineswegs für sich reklamiert, “ganz mutig” zu sein. Sondern im Gegenteil artikuliert, wie beschissen sich diese niederschmetternde Ohnmacht in solchen Situationen anfühlt.

    Ich bin regelmäßig im Berliner Fußball unterwegs und habe bei den beiden großen Clubs der Stadt das zitierte wie auch andere ähnlich unsägliche Lieder immer wieder gehört. In den letzten Jahren haben sich diese Gesänge zwar weitgehend aus den Stadien ins Umfeld verlagert, aber sie sind immer noch präsent, nicht zuletzt in den S- und Regionalbahnen. Der Vorwurf mangelnder Zivilcourage als Reaktion auf den geschilderten Vorfall ist so dermaßen deplaziert, dass man das wohl tatsächlich als Trollerei abtun muss. Oder als verzweifelten Versuch, die Augen vor der Realität zu verschließen. Gerade weil viele glauben, Rechtsradikalismus beim Fußball wäre ein Phänomen vergangener Zeiten, ist es wichtig, solche Vorfälle immer wieder zu benennen und den Finger in die Wunde zu legen. Und Stück für Stück ein Klima zu schaffen, in dem sich niemand mehr traut, so einen Dreck von sich zu geben. Ist noch ein weiter Weg.

  11. hanna sagt:

    @ fvl

    Ich habe nicht gesagt, dass ich noch nie in solch einer Situation war! Ich hatte das noch NIE mit Fußballfans!

    In den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin kommt das öfter vor und da stehe ich auf und sage was, weil es nicht sein kann, dass unschuldige einfach beleidigt werden! Dabei habe ich auch schon mal von einem eine gescheuert bekommen, dann sind aber auch noch andere mit aufgestanden… Wenn einer nämlich den Anfang macht, dann ziehen andere nach, die das gleiche wie Ihr denken!

    Ich würde es jederzeit wieder tun! Ob nun ein dummer Nazi den “Ausländer” oder irgendjemand einen, der anders ist beschimpft. Einer sollte den Anfang machen, denn wie Ihr an der Diskussion seht, denken ja wohl alle, dass so ein Verhalten scheiße ist!!!!

  12. Dietmar sagt:

    Das kannste nicht am Verein festmachen.
    Das Pack geht überall hin, wo es sich in der Menge verstecken kann.
    Ich hab da bei einem Spiel meine Erfahrungen gemacht mit Sprüchen wie “Auschwitz-Aue”, “Eure Eltern sind doch Eure Geschwister” (!!) und die Krönung: “Wär doch geil, wenn Adolf Hitler unser Trainer wär”.
    Ich stand da auch nur vor der Entscheidung: Maul aufmachen und eins drauf kriegen oder weg gehen.
    Ich fühlte mich dann tatsächlich im Zugang zum Unterring von der Bullen-Präsenz in ihren Kampfanzügen beschützt.
    Und das bei meiner Bullenphobie!!!
    Das war ne heftige Erfahrung…

    Wenn die Füchse Berlin einen 50.000er-Zuschauerschnitt hätten, weil Handball modern wäre, würden die Idioten da hin gehen.
    Und was meinst Du, zu welchem Sportverein die Idioten gehen, die in Bremerhaven regelmäßig die Rechten ins Landesparlament wählen??

    Andererseits kann ich’s auch verstehen. Unter anderem war es die An- und Abfahrt mit dem Pöbel, die mir für einige Jahre den Stadionbesuch verlitten hat.
    (Neben der ganzen Kommerzialisierung “Voltaren präsentiert die Verletzten der Woche” und den festen Platzkarten.)

    Zumindest was ich von Zeit zu Zeit vor und nach Union-Spielen in den Öffentlichen sehe, steht da dem Hertha-Pöbel auch in keinster Weise nach. (Und über Dynamo brauchen wir wohl kein Wort zu verlieren…)

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