25. Mai 2008 0

Anfangs Schwester heißt Ende

| Rückpass

Als ich damals Jens Lehmann interviewen durfte, vergaß ich vor lauter Angst, ihn zu interviewen.

Unauffällig und staunend stand ich neben ihm, neben mir, und lauschte heimlich, lächelnd und mit gesenktem Blick, dem, was andere fragten und Jens Lehmann antwortete. Das fand ich einigermaßen okay, damals, angesichts meines Anfängertums und meiner übermäßig ausgeprägten Ehrfurcht und Angst vor Peinlichkeiten. Die anderen schienen immer so viel souveräner und hatten, so dachte ich, ohnehin die weitaus angemesseneren Fragen. Ich wollte nicht, dass sie lachten über mich, die kleine Praktikantin (die gar keine war, ihr selbstverliebten Wichser!). Ich machte mir Notizen, die ich nachher kaum lesen konnte.

Es war das Derby in Dortmund – wow! –, und es gab weiß Gott genug zu fragen! Aber ich fragte nicht. Ich fragte nie. Stattdessen hoffte ich. Auf Antworten auf meine ungestellten Fragen. Darauf, mich irgendwie durchmogeln zu können. Dass mich niemand erwischte und bestrafte und verhaftete, fürs Nichtfragen. Auf Gnade, auch. Und ich hoffte, dass ich das alles vergessen würde irgendwann.

Meine Fragen unterschieden sich von denen der anderen, und ich machte es mir – aus lauter Scham, aber weil ich es ja dennoch ernst meinte – zur Gewohnheit, sie mir selbst zu stellen, abends im Bett, wenn noch einmal Zehntausende Fans in mir jubelten, sangen, klatschten, buhten, pfiffen, fieberten. Wenn ich die Bratwurst roch und das penetrante Aftershave des Kollegen in der Reihe hinter mir, dann gab ich mir selbst, mit wummerndem Herzen, Antworten auf das, was ich mich öffentlich auszudrücken nie getraut habe. Das war traurig und gleichzeitig sehr schön. Ich konnte dann richtig charmant und kompetent und toll sein, wenn ich mit mir selbst sprach. Und lächelte.

So kam es, dass ich oft ziemlich gute Texte schrieb, auch diesmal, zufälligerweise ohne eine einzige Frage gestellt zu haben. Natürlich sagte ich das niemandem. Heute schäme ich mich dafür, manchmal. Denn ich hätte richtig gut sein können, besser, viel besser, hätte ich mir nur getraut. Und vor allem hätte ich mal zufrieden sein können und stolz auf mich selbst.

Jetzt würde ich gerne sehr viel fragen, aber es ist ja nun zu spät, viel zu spät, und wenn ich bei der Vorstellung des EM-Kaders heule, dann sind bestimmt 80 Prozent der Tränen solche Wehmutstränen und sonst nichts.

[Lieber Jens Lehmann, ich schätze Sie sehr. Früher – vor so ungefähr acht, neun Jahren –, da war ich ein bisschen verliebt in Sie. Aber das tut ja jetzt nichts zur Sache. Geht es Ihnen eigentlich gut? … Ich hätte da mal noch ein paar Fragen, haben Sie einen halben Tag Zeit? … Nein? … Ach, schade …]

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