16. November 2011 3

Ein Kuss auf Reisen

| Hoffnungsträger

Christian und Sebastian sind Fußballfans, ihr Verein: Tennis Borussia Berlin, die Lila-Weißen, sechste Liga, Kummer gewohnt. Wenn gegnerische Fans »Lila-Weiß ist schwul« skandieren, stimmen sie mit ein, aus dem Schmähgesang wird ein Fangesang, man lacht. »Bei TeBe ist Homophobie schon ewig Thema«, sagt Sebastian. Er erzählt von der Auswärtsfahrt nach Cottbus, zu Zweitligazeiten, der legendären »Fummelfahrt« mit buntem Crossdressing und irritierten Gastgeberfans. »Für die Cottbuser, die ja nicht unbedingt als Speerspitze der Aufklärung gelten, war das schon ein interessantes Erlebnis.« Und für die TeBe-Fanszene ein ganz besonderes, denn einer von ihnen hatte damals sein Coming-out.

Sebastian (33) ist seit ein paar Jahren TeBe-Fan. Als Mainzer mit 05er-Herz kam er nach Berlin, hat nach einem Verein gesucht und TeBe gefunden, Lila-Weiß statt Rot-Weiß, Eichkamp statt Bruchweg. Bei seiner Stadionpremiere gab es direkt mal eine 1:7-Niederlage, »und das hat einfach so viel Spaß gemacht, dass ich geblieben bin. Die Kurve ist selbstironisch, entspannt und achtet auch aufs Spiel, statt nur nervigen Dauersupport zu machen. Und sie ist divers. Das gefällt mir.«

Christian (28) fand Fußball lange Zeit unsympathisch. »Das war mir viel zu prollig und mit diesem Ultrading konnte ich mich auch nie anfreunden – ich hab Football gespielt.« Durch ein Praktikum bei TeBe ist er dann aber in der Fanszene hängen geblieben, liebt die dortige Kultur, und die Subkultur. »Mittlerweile würde mir ohne TeBe eine Menge fehlen, weil es eben nicht nur um Fußball geht. Wir machen viele schöne Aktionen, wie für den Schokoladen oder jetzt eben die Sache mit dem Banner.«

Und die Sache mit dem Banner ist die: Die beiden singen nicht nur jedes Wochenende im TeBe-Kurvenchor und engagieren sich bei We Save TeBe, sondern haben darüber hinaus als Teil der Vereinsabteilung Aktive Fans die Initiative Fußballfans gegen Homophobie ins Leben gerufen.

Christian: Die Grundidee war, ein Banner für eine Aktion anlässlich der FARE Week im Oktober zu malen. Bis dahin eine kleine Route durch ein paar Stadien befreundeter Vereine, fertig. Kam dann aber anders … Mittlerweile tourt das Banner durch ganz Deutschland, Liga eins bis sechs, sogar in Luxemburg und der Schweiz hing es schon in der Kurve. Wir sind selbst total überrascht von diesem Echo. Inzwischen kommen die Fangruppen auf uns zu und fragen, ob sie das Banner auch mal haben können, und wir organisieren das dann. Jede einzelne Station ist ein Gewinn, den Schlusspunkt setzt in diesem Jahr Schalke. Danach muss man mal sehen … Ich fänd’s ja großartig, wenn in der Rückrunde zu den aktuell 23 Stationen noch zehn hinzukämen und die dann irgendwann mal alle zeitgleich eine Choreo oder eine rosa Kurve machen würden.

Das Banner ist lila und hübsch und fällt in jedem Stadion sofort auf. Zwei Männer. Ein Kuss. Ein Regenbogen. Das Besondere ist, dass die Botschaft von Fans kommt und von anderen Fans weitergetragen wird. Solidarität statt Rivalität. Die meisten Vereine, die mitmachen, präsentieren das Banner nicht bloß, sondern denken sich noch eine individuelle Aktion dazu aus – Choreos, Seifenblasen oder gleich eine ganze Themenwoche. Keine Kurve wird abgelehnt, jeder kann mitmachen. Ein sympathisches Modell, das dafür sorgt, dass auch die Vereine genauer hinschauen.

Sebastian: Ich glaube, dass die Fans wirklich eine Art Vorbildrolle einnehmen können für die Vereine. Da passiert gerade einfach was, es gibt unheimlich viele Diskussionen zum Thema Homophobie, es entwickelt sich ein Bewusstsein. Und ich habe den Eindruck, dass wir uns im Moment in einem Prozess befinden, der vielleicht zu einem Klima beiträgt, das es irgendwann egal werden lässt, ob ein Fußballer schwul ist oder nicht.

Von einer solchen Gelassenheit ist der deutsche Fußball aktuell noch weit entfernt, doch Aktionen wie die von TeBe tragen zu einer bewussteren Auseinandersetzung mit dem Thema Homophobie bei. Was Vereine und Verbände machen können? Vor allem klar sein, Haltung zeigen, und Vernunft. Einen Antidiskriminierungsparagrafen in die Satzung aufnehmen und vorleben, eigene Spieler und Trainer informieren, sensibilisieren, motivieren. Das Thema ernst nehmen, und die Menschen.

Christian: Da ist so viel Unbedachtheit, da sind so viele Vorurteile und Gedankenspiele. Die ganze Thematik wird oft runtergebrochen auf die Sexualität. Dabei geht es ja darum, sein Leben so zu gestalten, wie man es möchte, mit dem Menschen unterwegs zu sein, mit dem man zusammensein möchte, auch mal Händchen zu halten oder ein Eis essen zu gehen. (lacht) Ich will gar nicht wissen, was passiert, wenn Arne Friedrich und Philipp Lahm mal zusammen im Eiscafé gesehen werden …

[Mit Christian und Sebastian habe ich mich gemeinsam mit der freien Journalistin Nicole Walter unterhalten. Ihren Bericht gibt’s in ihrem Blog bierstattblumen.]

3 Kommentare

  1. […] “Christian und Sebastian sind Fußballfans, ihr Verein: Tennis Borussia Berlin, die Lila-Weißen, sechste Liga, Kummer gewohnt. Wenn gegnerische Fans »Lila-Weiß ist schwul« skandieren, stimmen sie mit ein, aus dem Schmähgesang wird ein Fangesang, man lacht.” unrund: Ein Kuss auf Reisen […]

  2. […] Wir als Fanclub sind kurz nach der Gründung dem QFF beigetreten. Der QFF selber hat sich 2006 gegründet und trifft sich zweimal im Jahr. Es gibt mittlerweile 19 Bundesligafanclubs, die dem Verband beigetreten sind. Zudem gibt es drei Schweizer- und einen spanischen Fanclub. Der QFF konzentriert sich derzeit also eher auf den deutschsprachigen Raum. Hier herrscht auch eine richtig gute Kommunikation zwischen den Fanclubs. Das Ergebnis davon sieht man an dem vorher genannten Wanderbanner. Die Idee kam ursprünglich von einem Berliner Fanclub und wurde schnell aufgenommen und weiter getragen. (Hier gibt es die Geschichte zum Wanderbanner) […]

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