Kategorie Abseits

11. November 2013 0

Sichersicher Schalke 04 – Werder Bremen 3:1

| Abseits

Kann ich mal in Ihren Labello gucken? …
Achtung, ich muss jetzt einmal in Ihren Hosenbund.



26. Januar 2013 0

| Abseits

Being Tim Wiese.



13. Januar 2013 0

Fortuna Fracksausen

| Abseits

Es ist das Sichverlieben, nicht das Verliebtsein, das ich so liebe.

An jedem Rastplatz gehalten, Kaffee geholt und nachgedacht in den letzten Wochen, mehr als sonst, über mich, mein Leben, das Schöne, Wahre, Richtige. Die richtigen Männer, die richtigen Jobs, die richtigen Freunde, die richtigen Orte, die richtigen Vereine, Projekte … Ein bisschen darüber geredet, ein bisschen darüber gelacht, ein bisschen getrunken, ein bisschen geknutscht – und dabei in einigen besonders schönen Momenten tatsächlich richtig bei mir gewesen.

Zwischendurch: richtig müde.

Weitergefahren. Überlegt, einen Fußball-Jahresrückblick zu schreiben, dann doch lieber beim Sport angemeldet. Das tolle Bild gerahmt und aufgehängt. Wundervollen Menschen begegnet. Heimlich – während ich mich übers Vorsätze-Fassen lustig gemacht habe – ein paar ziemlich schöne Vorsätze gefasst, einige davon gleich in der ersten Woche des Jahres in die Tat umgesetzt. Erstens: weniger Bier, mehr Schnaps. Zweitens: endlich mal diesen Arzttermin machen. Drittens, viertens, fünftens: Bewegung, innen/außen. Wenn möglich, Tanz. Sechstens: mir immer wieder in Erinnerung rufen, mich nicht mehr auf so mühselige Weise mit den Befindlichkeiten Ängsten anderer zu beschäftigen; oder besser: erkennen, dass es ihre sind, nicht meine. Siebtens: vertrauen, loslassen, nichts festhalten wollen, nur mich und den Moment. Achtens: heyheyhey, es gibt wieder Fußball, und Tulpen. Es ist alles da.

Never mind the darkness, baby …



16. September 2012 0

Am Zaun Tennis Borussia Berlin – TSV Rudow 3:0

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14. September 2012 1

Reminder

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Es geht nicht um Philipp Köster. Es geht nicht um die 11 Freunde. Es geht nicht um Adrian Bechtold. Es geht nicht um den Fluter. Es geht nicht um die »Aktion Libero«. Es geht nicht um die »Fußballfans gegen Homophobie«. Es geht nicht um Twitter. Es geht nicht um Facebook. Es geht nicht um Blogs. Es geht nicht um Kommentare. Es geht nicht um dich. Es geht nicht um mich. Aber es geht uns was an. Es geht nicht um Profilierung. Es geht nicht um Meinung. Es geht um Haltung. Es geht darum, dass sich homosexuelle Fußballer(innen) nicht mehr verstecken müssen. Darum geht es.



19. August 2012 1

Follow

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Zum ersten Mal bin ich stolze Besitzerin einer Dauerkarte – TeBe natürlich. Zwar besteht diese »Dauerkarte« aus einem dicken Stapel papierener Einzeltickets, aber das ändert wenig am Gefühl – was zählt, ist dieser große Moment, in dem du zu der Dame im Kassenhäuschen sagst: »Ich hätte gerne eine Dauerkarte, bitte.« Bääääääm. Dauer-Karte. Ich mag es, wenn etwas dauert. Und irgendwie gefällt mir auch dieser gewichtige Kartenstapel in meiner Tasche. Dazu passt: mein neuer Lieblingsfangesang.

I, I follow, I follow you, love you TeBe, I follow you …

Ich war sehr gespannt auf den Saisonbeginn, denn ich fragte mich ernsthaft, ob meine Lust wohl zurückkehren würde. Das erschien mir alles andere als selbstverständlich. Es hatte sich mal wieder was verändert, ist ja alles ständig in Veränderung befindlich, immer in Bewegung, und irgendwo muss man nun mal stehen bleiben und sich festhalten, doch meine Position war mir während dieser gesamten langen Pause merkwürdig unklar geblieben. Lasst mich in Ruhe mit Fußball, nein, ich will kein Testspiel gucken, nein, ich weiß nicht, wie der neue Kader aussieht, nein, ich habe auch keine Ahnung, wer aufgestiegen ist. Das fand ich nicht schlimm, aber schon ein bisschen eigenartig.

Und dann ist er da, der Saisonauftakt, und ich mache mich auf den Weg ins Stadion, bin in minütlichem Wechsel hibbelig und zenmäßig tiefenentspannt, ungefähr wie vor der neuerlichen Verabredung mit einem aufregenden Mann, mit dem mich vor längerer Zeit mal eine kurze Geschichte verband und den ich seitdem nicht mehr wiedergesehen habe. Ich erinnere mich zwar an Zustände und Gefühle, aber die sind nicht mehr richtig greifbar. Was also, wenn die Faszination mit einem Mal weg ist und man beginnt, sich über das Wetter zu unterhalten? Oder über die Hertha.

Und während ich auf den Stufen sitze und die Aufwärmrituale beobachte, ist es plötzlich da: dieses Knistern. Die Hibbeligkeit, die Ungewissheit und das Desinteresse der letzten Wochen haben sich in ein Geräusch verwandelt. Ein Sommergeräusch. Alles um mich herum knistert leise mit, da ist nichts, was man einander fragen müsste, höchstens, ob es was Neues im Fanshop gibt.

Ja, verdammt noch mal, I follow you.
Und du riechst immer noch so gut wie neulich.



17. Juni 2012 14

Schland unter

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Es gibt Worte, die ich besonders gerne benutze. Konfetti, ach, verliebt, yeah. Es gibt Sachen, die ich besonders gerne esse. Bratwurst, Clafoutis. Es gibt Fußballer, denen ich bei dieser Europameisterschaft besonders gerne zusehe. Boateng, ?ech, Mellberg (seufz). Es gibt Dinge, die für mich in Verbindung mit Fußball im Mittelpunkt stehen. Respekt, Emotion, Fairplay. Und es gibt so Sachen, die sind mir völlig schnuppe. Das mit den Fähnchen zum Beispiel.

Ich traue mich ja kaum, es zu sagen, aber mich interessiert die aktuell zur Schau getragene Schwarzrotgoldigkeit vieler deutscher Fußballfans nicht die Bohne. Sollen sie sich doch in Fahnen hüllen, sich kreischend und mit bemalten Wangen zuprosten, ihre Autos bis zum Gehtnichtmehr beflaggen, aus Schland-Kaffeebechern trinken – wenn es ihnen Spaß macht, bitte schön, ich habe nichts dagegen. Für mich ist das nichts, ich mache da nicht mit – und möchte für meine Haltung ebensowenig scheiße gefunden werden –, ich gehe auf keine Fanmeile und brauche auch keinen Fußballstrand. Aber dass es mich aufregt, wenn das jemand anders handhabt, kann ich wirklich nicht behaupten. Ich rege mich über ganz andere Sachen auf: über Intoleranz, Aggressivität und Häme zum Beispiel, mit und ohne Fähnchen. Und über all die Regelnaufsteller, die hinter jedem Wimpel eine niederträchtige Botschaft wittern. Die in einem bemerkenswerten Entrüstungsreflex »Partynationalismus« diagnostizieren, sobald ihnen so ein Flaggenmensch begegnet. Die Fähnchen abknicken, Zettel mit oberlehrerhaften Botschaften an Autodächern hinterlassen und damit weit übers Ziel hinausschießen. Die Männern sagen, dass sie sich zu rasieren haben, um kein falsches Signal zu setzen. Die auf »Eventfans« schimpfen und sich für die besseren, die wahren Fans halten, nur weil sie sich auch abseits von Großveranstaltungen für Fußball interessieren – wie arrogant ist das denn bitte? Die sich – als hätten sie zwei Jahre nur darauf gewartet – voller Inbrunst bei jeder TV-Übertragung über Kommentatoren- und Moderatorenleistungen und in Kameras winkende Fans auslassen, sich dabei auch noch unterhaltsam finden und dem geneigten Zuschauer damit weit mehr auf den Keks gehen als die Gescholtenen selbst. Mir zumindest. Ich finde das alles in kaum mehr erträglichem Maße überheblich und in der Summe anstrengender als das taumelnde Karnevalsvolk.

Mag sein, dass ich da ein entscheidendes Detail übersehen habe, aber für mich fühlt sich Deutschland in diesen Tagen an wie eine einzige Richtigmacherdoku: auf der einen Seite die, die einfach alles, was da ist, in die Pfanne schmeißen, mit viel Ketchup druff, jippie – auf der anderen Seite jene, die all den »Ahnungslosen« in bester Fernsehkochmanier mit erhobenem Kochlöffel demonstrieren, wie Bratkartoffeln wirklich gehen. Nee, echt, kein Interesse, ich hab schon gegessen – und jetzt möchte ich gerne Fußball gucken.



5. Mai 2012 2

All you need is love

| Abseits

… fußballtypisches Verhalten: Schals, Mützen, Trikots,
lauter Gesang, rüpelhaftes Verhalten.

Fotos: Copyright © Stefanie Barthold



10. März 2012 3

Lust, los Lichtenberg 47 – Tennis Borussia Berlin 0:0

| Abseits

Ich wache auf, schaue aus dem Fenster, es ist grau, es regnet, ich habe schlechte Laune und keine Lust auf Fußball. Füttere die Katze, trinke den ersten Kaffee, immer noch keine Lust auf Fußball. Höre das schöne Lied, dreidreiunddreißig, gehe mal duschen, ziehe irgendwas Lilafarbenes an – woah, keine Lust auf Fußball heute. Über-haupt-kei-ne-Lust. Ächz, Kaffee Nummer zwei. Vielleicht sollte ich mich einfach wieder hinlegen, zur Katze, mit diesem besänftigenden Gesang im Ohr, oh, schönes, faules Wochenende … Moment mal. In etwas mehr als einer Stunde spielt TeBe, ich kann zu Fuß zum Spiel gehen, es hat zu regnen aufgehört und ich hocke hier halbangezogen im Jammertal? Auf gar keinen Fall.

In schöner Regelmäßigkeit fragen mich Freunde oder Bekannte, ob ich denn etwa schon wieder beim Fußball war, mit diesem leicht belustigten Gesichtsausdruck, den ich schon so lange so gut kenne. Wenn sie dann, meist ohne meine Antwort abzuwarten, zum nächsten Thema übergehen und mir in aller Ausführlichkeit von ihren Shoppingsamstagen erzählen, ihren Kuchenbacksamstagen, Trödelmarktsamstagen, Fitnessstudiosamstagen, Kindergeburtstagssamstagen, Lass-mich-in-Ruh-Samstagen und Ich-geh-mal-ins-Büro-Samstagen, dann frage ich mich, was zur Hölle an meinen Samstagen so amüsant ist. Und weshalb sie sich offenbar nicht die Spur dafür interessieren, warum ich eigentlich so gerne zum Fußball gehe. Ich würde es ihnen gerne erzählen und sogar ein paar meiner Rezepte verraten … na gut, alle. Aber sie fragen nicht, nie. Sie denken sich nur was zurecht. Und manchmal, wenn ich nicht so ganz bei mir bin, ein bisschen schlecht gelaunt und schwach und lustlos wie heute, dann habe ich das Gefühl, sie verstehen zu können, diese Leute. Dann überlege ich, ob ich mir nicht ein weniger »skurriles« Lieblingshobby antrainieren soll, Lesen oder so. Ach Quatsch, irgendwas Geselliges. Und dann bekomme ich noch schlechtere Laune und fühle mich noch schwächer und noch lustloser als zuvor. Und dann gehe ich los.

Die Partie gegen den Tabellenzweiten endet 0:0, für TeBe ist das ein gewonnener Punkt nach einer sehr engagierten Leistung, für mich ein gefühlter Kantersieg. Ich habe den großen Regenschirm dabei, völlig umsonst natürlich, ha ha! Ich treffe Stephen und Ian, die das wundervolle No Dice Magazine machen (das ihr alle sofort lesen solltet), und das ist eine kurze, aber so sympathische, warme Begegnung, dass ich den ganzen Heimweg über lächeln muss, den neuen Button am Mantelkragen. Und an den Konfettiregen denken, an die Sprints von Taflan, an den hübschen Hund, das charmante Halbzeitelfmeterschießen, meinen Lieblingsfangesang, diese außerordentliche Kulisse … Und gleich ist da diese Party, auf die ich mich seit Tagen freue. Um ehrlich zu sein: Ich habe überhaupt keine Lust.



5. März 2012 12

Kein Liebeslied

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Ich habe mich schon so oft gefragt, was eigentlich passiert, wenn man da mal zufällig hineingerät. Wenn man das alles direkt mitbekommt, nicht nur vom Hörensagen oder als Bericht im Netz, den man jederzeit lesen kann, mit einer Kaffeetasse in der Hand und warmen Socken an den Füßen. Was passiert eigentlich, wenn man mal mittendrin ist und sich nicht entziehen kann? Was will man dann machen – macht man überhaupt irgendetwas? Und was fühlt man in einem solchen Moment? Überhaupt irgendetwas?

»Treten Sie von der Bahnsteigkante zurück, der Zug fährt ein.« Die Durchsage ist unmissverständlich und ich folge der Anweisung wie alle anderen um mich herum, was gibt es da auch nachzudenken. Ich bin gedanklich ohnehin ganz woanders, Bremen hat 0:1 verloren und nicht besonders gut gespielt, und dann war da noch dieser Hertha-Fan, der einer Dame auf dem Weg zur Bahn den Werder-Schal vom Mantel gezogen hat. Ich ging direkt dahinter und konnte doch nichts tun, außer mich zu empören. Ich drehte mich um, sah den Mann wegrennen, machte die Frau auf den Diebstahl aufmerksam, rief noch laut »Hey!«, doch da war es ja längst zu spät, der Idiot über alle Berge und von hinten drängelten die Menschen. Was für ein Irrsinn. Und wie albern ich mir mit einem Mal vorkam – »Hey!« rufen und böse gucken, was für eine Spitzenidee …

Ich trete also wie befohlen ein paar Schritte zurück vom Bahnsteigrand, und der Zug hat noch nicht ganz gehalten, da schubst schon die Ungeduld von allen Seiten, viel zu viele Leute quetschen sich ins Abteil, laut und rücksichtslos und als gäbe es drinnen Freibier. Alles wie immer also. Ich erwische einen Sitzplatz, umklammere die Tasche auf meinem Schoß und schließe die Augen. Hoffentlich geht es schnell.

Die koordinative Leistung der Menschen ein paar Meter weiter, die es schaffen, gleichzeitig zu hüpfen und rhythmisch gegen die Fensterscheiben zu schlagen, nehme ich ruhig atmend zur Kenntnis und ziehe meinen Schal noch etwas höher. Die Bahn wackelt bedrohlich, aber ich bin ja bald da. Und dann beginnt die Gruppe junger Männer mit dunklen Brillen und kurzen Jacken plötzlich zu singen. Sie stehen direkt neben mir, diese Männer, vor mir, überall um mich herum, und sie singen laut und hässlich. In Dur.

Wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor,
wieder mal kein Tor für Türkiyemspor

Schiedsrichter, Jude, das war Foul!
Und nach dem Spiel, da gibt’s aufs Maul,
wenn’s in die 3. Halbzeit geht,
zu Allah zu beten ist dann zu spät […] *

Ich traue mich nicht aufzustehen, zu reagieren, irgendetwas zu sagen. Ich traue mich nichts. Wie geprügelt fühle ich mich von ihren Worten, ihrem ganzen Auftreten, bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. In diesen viel zu langen Minuten, in denen sie ihre Lieder grölen und die Bahn wankt, als tanze sie dazu, ist alles auf so offensichtliche und beängstigende Weise falsch. Diese Männer: falsch. Diese Parolen: falsch. Diese hämmernden Fäuste: falsch. Diese Enge: falsch. Diese Erstarrtheit: falsch. Ich: falsch.

Als ich die U-Bahn verlasse, die Finger in den Jackentaschen verkrampft, habe ich Tränen in den Augen, und tatsächlich gibt es jetzt nur eines, was ich wirklich will: weinen. Ein bisschen vor Wut – auf die und auf mich selbst und auf die Welt –, ein bisschen vor Hilflosigkeit und ein bisschen auch, um mir selbst zu versichern, dass ich noch da bin. Es gelingt mir nicht.

* Ich möchte nicht den ganzen widerlichen Text zitieren, und auch nicht die weiteren, die diesem hier folgten. Allein die nachträgliche Recherche hat mir Mühe bereitet, obwohl Google einem ja sofort alles vor die Füße spuckt. Oder gerade deshalb. Wer mehr wissen will, kann mal hier oder hier klicken.



18. Februar 2012 0

Herzrasen

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Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich, das Amt des Mommsenrasens nach innen und nach außen so wahrzunehmen, wie es notwendig ist.

Der Mommsenrasen schmeißt hin. Schon in der Vergangenheit galt er als gesundheitlich labil, durch die Negativkampagne der letzten Wochen in Medien und sozialen Netzwerken fühlt er sich nach eigener Aussage nun zusätzlich geschwächt und verletzt. Ob der Mommsenrasen künftig noch Chancen auf eine tragende Rolle in der Freiluftwirtschaft haben wird, ist zur Stunde nicht bekannt. Besonders tragisch: Ein Interimsrasen steht bis auf Weiteres nicht zur Verfügung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.



4. Januar 2012 1

Lancelot

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Ohne Naldo wird Werder untergehen. So ungefähr wie in der Hinrunde.
(Und ohne Pizarro bestenfalls zweite Liga spielen. So wie neulich, ihr erinnert euch doch?)

Die Wahrheit: Ronaldo Aparecido Rodrigues ist mein Lieblingsbremer, er macht mir gute Laune wie sonst kaum einer. (Direkt gefolgt von: Pizarro.) Aparecido, jedes Mal muss ich grinsen, wenn die Fußball-App diesen Namen anzeigt und dazu dieses lachende Gesicht. Und dann dieser Anlauf. Und dann diese Grätschen. Ich steh ja auf Grätschen, ach was, auf Grätscher steh ich! Und eine Zahnspange hatte ich früher auch mal. Und Wiese im Nacken. Aparecido, ach, tapferer, furchtloser.

Manchmal wünsche ich mir ein letztes betrunkenes Festmahl mit all jenen, die ich so sehr mag, Ritter der Tafelrunde, sehne mich nach der unmöglichen Begegnung in völlig absurdem Kontext, weil sich dadurch der Kloß in der Kehle lösen würde, und der stumme Groll – und das Vermissen, das würde sich für ein paar Momente verkleiden, und bliebe doch: ein nacktes Gefühl, so zittrig wie Fernweh. Aparecido. Aparecido, ach.

Die Wahrheit: Alles ist wie immer, alles ist wahr, und nichts, und alles ist gut.
Ein bisschen traurig, aber gut. So wie Micoud.



24. Oktober 2011 0

Fremdes

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Es gibt sie, diese Leute. Die sich das Spiel eines Clubs ansehen, den sie hassen, nur um anderen Leuten, die diesen Club lieben, fortwährend zu sagen, wie sehr sie ihn hassen. Muss das schön sein. Den Club hassen sie und auch die, die ihn lieben, ist ja klar. Abgrundtief. Seit ich mich wieder intensiver mit Fußball beschäftige, laufe ich ihnen wieder häufiger über den Weg, diesen Leuten, und nicht nur im Netz, wo Hass schnell getippt ist. Ihre Haltung ist mir schon immer völlig fremd gewesen, ich werde sie vermutlich niemals verstehen, diese Leute, ich alte Wurstkuh*.

* Um mal eines dieser besonders schlimmen Worte zu sagen, die sie auch immer sagen, diese Leute. Zu testen, wie es sich anfühlt.



1. Oktober 2011 0

Siebensachen

| Abseits

Mich erreichte ein Preis. Ein Award! rotkapi hat ihn mir beziehungsweise meinem Blog verliehen, seit gestern probe ich vor dem Badezimmerspiegel meine Dankesrede. Da aber heute kein Filmteam Zeit hatte (Wochenende) und auch kein, sagen wir, Robert Redford sich spontan bereit erklärte, mir während meiner unrunden Rede beschützend die Hand zu halten, schreibe ich euch einen Text. Denn dieser Preis – genauer gesagt: der »Versatile Blogger Award« – kommt nicht nur mit Blumen, sondern auch mit Regelbüchlein daher. Man möge sich bitte bedanken (was für eine Regel!) und im Anschluss seinen Bloglesern sieben persönliche Dinge verraten. Also gut:

Danke, rotkapi, ich freue mich sehr! Dir zu Ehren esse ich, während ich diesen Text bastle, eine Tafel Ritter Sport Marzipan. Macht auch mutiger im Hinblick auf die nun folgenden Geschichten.

Eins.
Ich bin bekennender Ergebnisvergesser. Ich mag Fußball sehr und verfolge ihn seit langer Zeit (mal mehr, mal weniger) intensiv, aber Ergebnisse merke ich mir ebenso wenig wie Tabellenmittelfeldplatzierungen. Dafür weiß ich aber noch ganz genau, wie es damals in der BayArena roch, als United da war, und wie die Bratwurst beim SV Westfalia Rhynern schmeckte. Lecker.

Zwei.
Das WM-Finale 1990 sah ich gemeinsam mit meinem Vater in einem zweckmäßig möblierten Zimmer des Novotels Perpignan. Wir waren auf der Rückreise aus einem unserer Spanien-Urlaube, meine Mutter hatte mit meiner kleinen Schwester den Flieger genommen, Papa und ich fuhren Auto. Yeah! Wir hatten alle deutschen Spiele in unserer Ferienwohnung an der Costa Blanca verfolgt, mit spanischem Kommentar, und uns jedes Mal köstlich darüber amüsiert, wie die Namen der deutschen Spieler ausgesprochen wurden (»Rrriedel«). Und dann Perpignan, unser Finalort. »0:1 Brehme, Elfmeter«, sagt mein Vater heute noch wie aus der Pistole geschossen (die Ergebnisvergesslichkeit kann ich nicht von ihm haben). Ich war damals 13, das Zimmer unsere Hüpfburg. Am nächsten Tag fuhren wir weiter und blieben prompt auf der Autobahn stehen: Tank leer. Mein sonst so akkurater Vater hatte sich mit dem Sprit verschätzt. Was für eine aufregende Reise, was für ein glücklicher Sommer.

Drei.
Ich meide Public-Viewing-Veranstaltungen. Fußballgucken mit vielen anderen Menschen zusammen finde ich nur im Stadion super, ansonsten macht mich das unheimlich nervös. Sportkneipen gehen noch so gerade, aber Spiele, die mir sehr wichtig sind, die ich auf keinen Fall verpassen möchte, schaue ich am allerliebsten ganz allein, zu Hause vor dem Fernseher, inklusive Vorberichterstattung und Analysen. Volles Programm. Da quatscht keiner dazwischen, ich kann zappeln, fluchen, kreischen und hopsen, wie ich will, und in der Halbzeit schnell aufs Klo.

Vier.
Das Ruhrstadion (aka RewirpowerSTADION) ist eines meiner Lieblingsstadien. Möchte gern mal wieder hin.

Fünf.
Ich bin für mehr Bärte in der Bundesliga. Und damit meine ich nicht solche Bärte, sondern eher solche. Okay, so ein Cantona-Bart (an Monsieur Cantona dran) ist natürlich eine Klasse für sich, aber eine erkennbare Tendenz wäre ja bereits entzückend. Gern anstelle der ganzen grässlichen Tattoos.

Sechs.
Apropos Cantona. Looking für Eric ist einer der wundervollsten Fußballfilme, die ich kenne. Eine Empfehlung auch für Nichtfußballinteressierte. Als ich ihn zum ersten Mal sah, auf DVD und auf Französisch (ich hatte mir den Film aus Frankreich mitgebracht), war ich so gefrustet darüber, dass ich Cantonas Französisch kaum verstand, dass ich heulend ausschaltete und die DVD in die Ecke pfefferte. Später ging es dann wieder, hab zwar weitergeheult, aber nicht mehr aus Frust.

Sieben.
Seit vier Jahren lebe ich in Berlin und ich finde es super hier. Meistens bin ich in Friedrichshain, mir gefällt aber auch Pankow, ich gehe abends gern in Kreuzberg weg und trinke manchmal einen Kaffee in Mitte. Ich finde TeBe sympathisch, habe mich neulich bei Union wohl gefühlt und gehe inzwischen auch gerne mal ins Olympiastadion.

Das waren meine sieben Sachen, jetzt kommt der abschließende Programmpunkt: Die im Regelbüchlein vorgeschriebene Weitergabe des Awards an eines oder mehrere meiner liebsten Blogs. Ohne große Worte und von Herzen geht mein Preis an zwei Lieblinge: 96-Sympathisant kutter, dicht und wahr, und das vereinzelt abseitige freitagsspiel. Glückwunsch, die Herren. Weiter mit Musik.



25. September 2011 0

Zuckerpass

| Abseits

Aufstellung. Foto: Copyright © rockabella, photocase.com

Wenn ich am Wochenende Sky einschalte, um mir die Bundesliga anzusehen, freue ich mich seit Neuestem vor allem auf einen: Clafoutis.

Platini, Henry, Ribéry, Clafoutis – allein der Name ist schon Kunstwerk. Und was Clafoutis mit der Kirsche kann: Zucker. Diese Ästhetik, dieses Körpergefühl! Erste Sahne. Zu Beginn des Spiels hält sich der französische Stratege meist dezent zurück, sorgt für Ordnung, sichert nach hinten ab, kontrolliert das Geschehen. Er ist der Mann fürs zentrale Mittelfeld, dort fühlt er sich wohl, dort lebt er auf. Und dann, so Mitte der ersten Hälfte, wenn er richtig heiß ist und vor Spielfreude dampft, dann sucht Clafoutis seine Chance, erobert zielstrebig den freien Raum, der Rest ist – mmhhhhh – Geschichte. Aus dem Hintergrund müsste Clafoutis schießen, Clafoutis schießt … Ein Augenschmaus.

Gut, mitunter landet auch mal ein Pass im Mehl, aber, hey, der Typ hat Eier. Er rührt sich auch hintenrum und geht dahin, wo es gefährlich ist. Seine elastische, schlichte Eleganz und seine imposante Körpersprache machen Clafoutis schon jetzt zu einem ganz Großen. Und wie er dann nachher beim Interview steht und mit seinö süßö froohnssösischö Akssoon antwortet: »Oui oui, c’est ça. Gönießöhn, beim Fußball gehtesvorallöhm ums Gönießöhn.« Unbezahlbar.

[Clafoutis ist ein Nachtisch, eine französische Süßspeise, ein voluminöser Pfannkuchen aus dem Ofen, mit Obst. Am liebsten nehme ich Kirschen, habe aber auch schon Himbeeren ausprobiert, Mango und Pfirsich. Wenn die Leckerei dampfend auf dem Tisch steht – sie ist sehr schnell hergestellt: Eier, Zucker, Mehl und Milch anrühren, Form einfetten, Obst rein, flüssigen Teig drüber, ab in den Ofen –, wird sie noch mit Puderzucker bestäubt und sollte dann am besten lauwarm verputzt werden. – So, bin mal kurz in der Küche.]